2025 will uns narren – und zwar so richtig. Als ob längjährige Statistiken zur Häufung von Grosswetterlagen zu bestimmten Zeiten plötzlich keine Gültigkeit mehr hätten, werden wir Monat für Monat verschaukelt. Und so erstaunt es nicht, dass die Prognose für den August wie auch schon für den Juli völlig daneben ging, auf Ausnahmen bei den Details wird aber noch eingegangen. Auch muss man zunehmend in Frage stellen, ob die Siebenschläfer-Regel in Zeiten des Klimawandels noch funktionieren kann.

Da zieht er nach exakt drei Wochen von dannen, der nasse Kernsommer 2025, die nächste Hitzewelle kann kommen… (Berner Oberland, 04.08.2025)
Die fotometeo.ch/orniwetter.info-Langfristprognose für den August, erstellt am 1. August, lautete wie folgt:
Was macht die heurige Prognose im Sommer so kompliziert? Nebst den ausgedünnten Daten aus der oberen Troposphäre dank Sparhammer in den USA und fehlendem Personal für die Radiosonden, ist es die aussergewöhnliche Konstellation der Wassertemperaturen rund um Europa. Die letzten Wochen mit mehreren Kaltluftvorstössen haben das bis anhin rekordwarme Mittelmeer in seiner Westhälfte inzwischen auf Normalniveau heruntergekühlt. Weiterhin brühwarm im Vergleich zum langjährigen Mittel sind das östliche Mittelmeer, das Schwarze Meer und das Nordmeer (Grafik). Letzterer Faktor verringert den sonst zu dieser Jahreszeit üblich starken Temperaturgradienten zwischen Wasser und Land in Nordeuropa, was es den Islandtiefs erschwert, bis nach Skandinavien durchzuwandern. In diesem Raum halten sich stattdessen blockierende Hochs, die von den atlantischen Tiefs südlich umlaufen werden – Mitteleuropa und sogar der Mittelmeerraum werden von Tiefdruck dominiert. Das familieninterne Duell zwischen Prof. Siebenschläfer sen., der am Lostag 27. Juni festhält, und Dr. Siebenschläfer jun., Verfechter des Kalenderreform-bereingten 7. Juli, geht somit in die nächste Runde. Allerdings hat der Ältere bereits zur Halbzeit einige Schmisse davongetragen…
Aus diesem Grund wurde ein Lauf gewählt, der eine nicht extreme, aber doch ausgeprägte positive Druckanomalie über Skandinavien und Nordwestrussland zeigt sowie ein leicht nach Norden verschobenes Azorenhoch. Zwischen beiden besteht eine allerdings zeitweilig fragile Brücke. Negative Druckanomalien über Grönland/Island sowie eine schwache über Mitteleuropa lassen darauf schliessen, dass gelegentlich Tiefs vom Nordatlantik abtropfen und über West- bzw. Mitteleuropa in Richtung Mittelmeer wandern. Die naturgemäss schwer modellierbare Zugbahn und Stärke solcher CutOffs wird wahrscheinlich auch der Prognosegüte im August zusetzen. Die damit verbundenen Grosswetterlagen sind Trog Westeuropa und Trog bzw. Tief Mitteleuropa. Dazwischen bekommen aber anders als noch im Juli auch hochdruckbestimmte Phasen eine Chance (Hochdruckbrücke Mitteleuropa, Hoch Fennoskandien antizyklonal bis Südost antizyklonal, mitunter auch West bis Nordwest antizyklonal).
Der Sommer fühlt sich somit weiterhin im hohen Norden wohl, von Lappland bis Spitzbergen ist die zu erwartende Abweichung von bis zu vier Grad zur Klimanorm 1991-2020 am stärksten. Im übrigen Europa ist verbreitet mit nur geringen Abweichungen von der Norm zu rechnen, in Mitteleuropa dürfte es zu einem Plus mit einer Null vor dem Komma reichen. Angesichts der hier zu erwartenden -1.0 bis -1.5 Grad nach dem ersten Monatsdrittel stimmt das modellierte Endresultat für den beginnenden Spätsommer optimistisch. Die in der Karte unten gezeigten negativen Abweichungen durch Höhenkaltluft verursacht werden wahrscheinlich an der Oberfläche milder ausfallen, ein knappes Minus könnte aber mancherorts stehen bleiben.
Die abtropfenden Tiefs bringen Westeuropa und dem westlichen Mittelmeer verbreitet überdurchschnittliche Niederschläge, regionale Starkregenereignisse sind hier wie auch in den Alpen vorprogrammiert. Wer ein einigermassen trockenes Plätzchen für seinen späten Sommerurlaub sucht, ist wahrscheinlich in Skandinavien oder Irland/Schottland am besten aufgehoben.
Vergleich der Prognose (oben) mit der Analyse (unten) der Abweichungen Höhendruckfelds gegenüber dem langjährigen Mittel:

Nein, das war nix… Was ist passiert? Das modellierte blockierende Hoch (die Grosswetterlage HFA hatte 2001-2024 im August eine statistisch relativ hohe Präsenz) ist nach Westen gerutscht, wo es im Sommer eigentlich nichts verloren hat. Vom 16. bis 25. August waren für die Frühlings- und (etwas weniger) Herbstmonate typische Wetterlagen des Grosswettertyps Nord wetterbestimmend. HNA trat erstmals seit 1994 wieder mal im August auf, auch HB gab es in den Augusten nach 1995 nur an einem einzigen Tag – 2021 im Übergang zum September. Weder auf statistischen Werten basierende Langfristmodelle noch die Erfahrung einer Meteorologin kommen im Vorfeld auf die verrückte Idee, dass ausgerechnet diese Wetterlagen einen beträchtlichen Teil vom August prägen sollen – zusammen mit der Nordwestlage zum Monatsbeginn kommt dann eben obiges Resultat heraus. Dabei ist die Abweichung beim hohen Geopotenzial durch das Tief Britische Inseln in den letzten sechs Tagen noch kräftig abgebaut worden. Dieses blieb dort stehen, für den prognostizierten Trog Westeuropa oder Tief Mitteleuropa hat es nicht mehr gereicht, hat aber doch noch den erwarteten Starkregen im nördlichen Mittelmeerraum und in den Alpen gebracht.
Die Abweichung der Monatsmitteltemperatur in rund 1500 m zur Klimanormperiode 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Als logische Folge der verkehrt herum platzierten Druckgebilde wurde auch die Temperaturverteilung auf den Kopf gestellt. Statt eines Gefälles in Mitteleuropa von Nordost nach Südwest gab es eines in umgekehrte Richtung. Die höchsten Abweichungen vom Mittel 1991-2020 gab es in der Südwestschweiz mit lokal bis zu +2 Grad, an der Ostseeküste resultierte ein knappes Minus von 0.2 Grad. In den Niederungen der Westschweiz war der August 2025 der neuntwärmste in der Messreihe seit 1864, im Walliser Bergdorf Grächen teilt er sich zusammen mit 1932 gar den vierten Rang. Völlig aus dem Ruder gelaufen ist die Wärme einmal mehr in der Arktis (+4 Grad auf Spitzbergen) – kein Wunder, werden so langjährige Erfahrungen nichtig.
Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Der Tipp mit dem trockenen August stach an der Nordsee von Südschweden bis England, weiter nördlich hat es nicht hingehauen. Die letzte Augustwoche brachte noch die erwarteten Starkregenfälle von Katalonien über Südfrankreich, Norditalien bis zu den Alpen und an den Oberrhein. Achtung: Obige Karte enthält einen permanenten Datenfehler irgendwo im Raum Bayern/Tirol, daher bitte die hoch aufgelösten Karten der Landeswetterdienste konsultieren: Schweiz, Österreich, Deutschland.
Wie bereits im Juli war das Wetterlagen-Menu aussergewöhnlich reichhaltig, ausser Tief Mitteleuropa und Ostlagen war alles im Angebot. Obwohl Nordwest und Nord zusammen fast die Hälfte des Monats in Anspruch nahmen, resultierten gerade mal vier als zu kühl eingestufte Tage, zwölf waren heiss oder schwül-warm. Die nassen und trockenen Tage halten sich die Waage, so gut das in einem Monat mit ungerader Anzahl Tage eben geht. Um den weiter oben angefangenen Bogen zu schliessen, sei hier ein weiteres Kuriosum erwähnt: Die beiden, in den letzten Jahren stark gewachsenen GWL Südwest zyklonal und Trog Westeuropa fehlten – und zwar nicht nur im August, sondern im gesamten Sommer.
Die Prognose für den September findet man auf unserer Partnerseite orniwetter.info, sie wird zu Beginn des nächsten Monats in diesem Blog verifiziert.
Exkurs: Bilanz zur Siebenschläfer-Regel 2025
Ende Juni hat kaum jemand damit gerechnet, dass die Siebenschläfer-Wende exakt zum letzten möglichen Tag nach der Kalenderreform (7. Juli) noch eintreffen würde. Die Umstellung war markant: Vom 9. Juni bis 6. Juli beherrschten ausschliesslich antizyklonale Wetterlagen Mitteleuropa, Hitze und Trockenheit waren die Folge. Dabei war bereits die ausgeprägte Westlagen-Dominanz von Ende Mai bis Anfang Juni völlig ausserhalb der jahreszeitlichen Norm. Nun gut, also Siebenschläfer-Beginn am 7. Juli, wiederum ausschliesslich zyklonale Wetterlagen bis zum 6. August. Das sind viereinhalb Wochen, das reicht für eine erfüllte Siebenschläfer-Prognose selbst dann nicht, wenn man ein Auge zudrückt und mit dem zweiten blinzelt:
Danach ging es für knapp zwei Wochen noch mal ins antizyklonale Muster zurück, die damit verbundene Hitzwelle war aber weniger stark ausgeprägt als jene Ende Juni bis Anfang Juli:
Also doch eher der erwartete Achterbahn-Hitzesommer nach Muster 2015 zum klassischen Siebenschläfer-Termin? Irgendwie auch nicht: Zwar hätte das Muster mit dem markanten Einbruch um den 7. bis 9. Juli mit anschliessender Erholung noch gut gepasst, die nass-kühle Phase ab dem letzten Julidrittel war dann mit vollen drei Wochen aber eindeutig zu lang.
Man kann es drehen und wenden wie man will: Die Siebenschläfer-Regel 2025 hat nicht funktioniert und das Hochsommer-Muster war wie schon in den letzten Jahren zu komplex. Dies wirft die Frage auf, ob die Regel in Zeiten des Klimawandels noch funktioniert, ob der Termin 27. Juni noch zeitgemäss ist und nicht besser kalenderreform-bereinigt auf den 4. bis 7. Juli gelegt werden müsste. Daher habe ich beschlossen, dass es am 27. Juni 2026 keine Siebenschläfer-Prognose von mir geben wird, stattdessen eine bis dahin noch auszuarbeitende Statistik über die Verlässlichkeit der Siebenschläfer-Regel im Wandel der letzten Jahrzehnte. Ob als Erkenntnis daraus ein neues Hochsommer-Prognose-Verfahren resultiert, das möglicherweise nicht mehr Siebenschläfer-Prognose heissen wird, bleibt bis dahin offen…
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