Das alljährliche Ausrufen eines bevorstehenden „Jahrhundertwinters“ bereits ab Oktober auf den üblichen Verblödungskanälen blieb natürlich auch in diesem Jahr nicht aus. Dagegen scheint kein Kraut gewachsen zu sein ausser dem Kampf gegen die Windmühlen – sprich: Auf unserem kleinen Kanal mit einen winzigen Bruchteil der Reichweite eben jener Marktschreier der Branche Aufklärung zu betreiben über die Möglichkeiten von Langfristprognosen, ehrliches Aufzeigen der Unsicherheiten und Wahrscheinlichkeiten und noch wichtiger: Schonungslose Verifikation im Frühling – Dinge, die man andernorts vergeblich sucht.

Prognose gemittelte Abweichung der Temperatur über die Monate Dez25-Feb26 gegenüber der Periode 1993-2016, Ensemble-Mittel von 9 Langfristmodellen
Es käme einem Wunder gleich, würden die Langfristmodelle tatsächlich einen Kaltwinter in Europa prognostizieren, denn die Voraussetzungen dafür sind mit einem kläglichen Rest „echter“ Arktis mit rasch vereisenden Meerflächen schlicht nicht mehr gegeben. Sibirien produziert zwar weiterhin ordentlich Kälte, nur gelangt diese Luft eben extrem selten nach Europa. Kein einziges der neun in obigem Ensemble enthaltenen Klimamodelle rechnet mit einem durchschnittlichen Winter, geschweige denn einem zu kalten. Die Einigkeit ist verblüffend, die intermodellaren Differenzen sind überschaubar und beschränken sich auf Details. Wer sich die Rechnungen der einzelnen Modelle anschauen möchte, kann dies gerne hier tun.
Es gibt allerdings einen Haken: Die gezeigte Rechnung stammt vom 1. November. Inzwischen ist etwas passiert, was sämtliche Modelle zu diesem Zeitpunkt völlig ausgeschlossen hatten: Mitteleuropa erlebt gerade die kälteste zweite Novemberhälfte seit mindestens 1993. Statt ein, zwei oder gar drei Grad im Plus zu 1991-2020 endet der November nun gar im Minus, und dies trotz extrem warmer erster Monatshälfte. Noch vor wenigen Tagen verstiegen sich gar erfahrene Meteorologen in die Behauptung, die aktuell kalte Phase könne unmöglich die warme erste Hälfte ausgleichen und der Gesamtmonat noch unter das aktuelle Klimamittel rutschen. Nun: Irren ist menschlich, und das Wetter in Zeiten völlig aus dem Ruder laufenden Klimas und von wissenschaftsfeindlichen Machtmenschen zerschlagenen Klimaforschungsintitutionen eine Wundertüte. Wenn in einem Grossteil der Nordhemisphäre wegen gekürzter Mittel keine lückenlosen Daten mehr erhoben werden, bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf die Wettermodelle. Und zwar nicht nur auf die amerikanischen, sondern global. Modellgläubigkeit war schon immer ein Gefahrenherd für unsere Branche, heute ist sie es erst recht. Nun ist wieder der natürliche, durch übermässigen KI-Gebrauch degenerierte Denkapparat gefordert: Globale Ausgangslagen ermitteln, Analogien suchen, die üblichen Kettenreaktionen – sofern sie im neuen Klima überhaupt noch funktionieren – ergründen und so versuchen, sich mögliche Szenarien vorzustellen.
Dankenswerterweise befinden wir uns derzeit in einer La Niña-Phase, die erst im März wieder neutral werden soll:

Quelle: https://climate.copernicus.eu
Sucht man sich Analogie-Jahre mit La Niña und gleichzeitig warmem Nordatlantik mit ein paar kalten Flecken drin wie aktuell, so landet man am ehesten im Winter 2017/18:

Andere Jahre haben zwar global eine noch grössere Übereinstimmung, nicht aber im Nordatlantik. Wer sich die 5 Jahre mit grösster Übereinstimmung selbst anschauen möchte, hier die Quelle: https://www.tropicaltidbits.com/analysis/hsanalog/
Widmen wir uns also dem Winter 2017/18, in dem wie oft in den letzten Jahren der Winter kalt begann, dann aber lange Zeit nichts mehr kam:

Quelle und alle Jahre seit 1981 übersichtlich im Wetterlagenkalender
Auf das recht pünktliche Weihnachtstauwetter folgte ein sehr milder Januar und der Februar dümpelte mehr oder weniger normal vor sich hin, bevor ganz am Ende eine kalte Ostlage ein verrücktes Wetterjahr einleitete. Eine solche Kombination aus La Niña-Phase, Stratosphärenerwärmung und in der Folge über Monate völlig aus dem Takt geratener nordhemsphärischer Zirkulation ist auch in den nächsten Monaten wieder möglich – fragt sich nur wann und wie stark ausgeprägt. Wie eingangs erwähnt ist ein kalter Gesamtwinter sehr unwahrscheinlich. Schauen wir trotz aller gebotenen Vorsicht, was die Langfristmodelle gemittelt sonst noch rechnen:
Beim Niederschlag ist Mitteleuropa unauffällig bis auf den kleinen nassen Fleck in den Alpen, der bei Betrachtung der Einzelmonate einzig auf den Dezember zurückzuführen ist. Die Mittelfristmodelle zeigen zwar aktuell viel Hochdruck in der ersten Dezemberhälfte, ein nasses „Weihnachtstauwetter“ gehörte aber in den letzten Jahren zum Standardprogramm (in Anführungszeichen weil es a) überhaupt was zu tauen braucht und b) auch schon eine Woche oder sogar noch früher vor Weihnachten eintreffen kann). Das grossflächig zu nass gerechnete Nordeuropa ist ein Hinweis darauf, dass die Westzirkulation häufig recht weit nördlich verlaufen wird. Dies wird durch die gemittelte Bodendruckabweichung bestätigt:

Keine Abweichung zur langjährigen Norm in Mittel- und Südeuropa, eine geringe negative im hohen Norden: Es scheint auf einen völlig normalen Winter nach neuem Klima hinauszulaufen. Die grossen Temperaturunterschiede haben sich wieder auf den Bereich zwischen Arktis und gemässigten Breiten verschoben, dort ist die stärkste Tiefdrucktätigkeit zu erwarten. Folglich ist die vom Modell für Nordeuropa gerechnete höchste Temperaturabweichung schlüssig, wenn immer wieder milde Atlantikluft nach Skandinavien und Nordrussland transportiert wird. Die geringen Abweichungen sowohl bei Temperatur, Niederschlag wie Druck in Mittel- und Südeuropa hingegen weisen darauf hin, dass dieser Winter wohl das ganze, heute noch mögliche Programm auffahren wird. Jedenfalls stehen die Chancen besser als auch schon, dass sich zwischendurch immer wieder tiefwinterliche Phasen zwischen die längeren, recht milden reinschieben können. Kälterekorde sollte man aber keine erwarten, dafür müsste einfach alles perfekt zusammenpassen, was die Ausgangslage schlicht nicht mehr hergibt. Was der erste Wintermonat diesbezüglich ausheckt, erfahrt ihr bereits in einer Woche in der Dezember-Prognose im orniwetter-Blog.
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