Die Spatzen pfeifen es schon lange von den Dächern bzw. die bekannten Schreihälse unserer Branche malen es seit Tagen mit bunten Karten und markigen Schlagzeilen an die Videowand: Der erste Wintergruss bis in tiefe Lagen steht an. Kann man verstehen, denn im neuen Klima geniesst bald jede Schneeflocke unterhalb von 1000 m Seltenheitsstatus, wurde uns gerade kürzlich wieder in den jüngsten Klimaszenarien des Bundes bestätigt. Erste winterliche Wetterlagen haben sich in den letzten Jahren meist um den Monatswechsel Nov.-Dez. eingestellt, letztes und auch in diesem Jahr um den 20. November. Das liegt im langjährigen Schnitt, allerdings sind die November-Winter heute ganz anders geartet als noch vor 40 Jahren.

Erste messbare Schneedecke im Mittelland im letzten Novemberdrittel entspricht dem langjährigen Mittel (Bern, am 25.11.2024 schon wieder am wegtauen)
Die kommende winterliche Wetterlage wird durch ein Hoch Nordmeer-Island (HNZ) eingeleitet, wobei die scharfe Luftmassengrenze heute Sonntag früh quasistationär über Norddeutschland liegt und sich erst im Lauf des Tages nach Süden in Bewegung setzt. Eine noch kältere Luftmasse mit einer 850-hPa-Temperatur von -16 °C liegt derzeit noch nordöstlich von Island und erreicht uns am Donnerstag/Freitag nach dem langen Weg über die Nordsee um etwa zehn Grad erwärmt:
In den Niederungen der Alpennordseite sieht das nach einem ordentlichen Kaltlufteinbruch aus, der ungefähr eine Woche andauert. Die Talsohle sollte mit einer Abweichung zur aktuellen Klimanorm von -6 bis -8 Grad am Samstag erreicht sein, wobei es zumindest in den tiefsten Lagen nicht nach Dauerfrost aussieht. Danach geht der Trend bei naturgemässer Streuung in diesem weit entfernten Zeitraum wieder in Richtung jahreszeitliche Norm und gegen Ende des Monats auch wieder leicht darüber:

Quelle: charts.ecmwf.int
Das grosse Schneechaos wie vor einem Jahr wird es diesmal wahrscheinlich nicht: Der Median der Niederschläge im Ensemble liegt am Donnerstag für Zürich bei 3-4 mm, was bei den zu erwartenden Temperaturen ein paar wenigen Zentimetern Pflotsch entspricht (der allerdings in der folgenden frostigen Nacht gefrieren wird, dies als Geheimtipp für mitlesende Winterdienstler und Frühpendler).
So sieht also ein Wintereinbruch im November 2025 aus. Da bietet sich doch förmlich ein Vergleich zur selben Grosswetterlage vor 40 Jahren an. Der November 1985 war mit einer Abweichung von -3.6 Grad zur Klimanorm 1991-2020 in den Niederungen der Deutschweiz einer der zehn kältesten in der 160-jährigen Messreihe, seither kam nur noch der November 1993 in dessen Nähe. Eindrücklich wird die Gegenüberstellung der beiden Temperaturverläufe damals und heute:

Messwerte: DWD; Prognose ab 16.11.2025: DWD-MOS (profiwetter.ch)
Vorangegangen war damals eine zyklonale Westlage, die am 10. November endete. Sie konnte natürlich niemals die Wärme der heurigen antizyklonalen Südwestlage herbeischaffen, war aber für damalige Verhältnisse schon ordentlich mild. Die Troglage (TRM) vom 11. bis 14. leitete den Temperatursturz ein, darauf folgte eine Bisenlage mit sibirischer Kaltluft. Eine Anekdote aus dieser Zeit ist mir bis heute erinnerlich geblieben: Am 19./20. November 1985 fand in Genf das Gipfeltreffen zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow statt. Letzterer meinte beim Abschied in der strammen Bise am Flughafen scherzhaft, er gehe sich jetzt in Moskau aufwärmen. Eine Milderung setzte erst am 27. November ein, somit dauerte die damalige Winterlage ganze zwei Wochen. Solches ist heute unvorstellbar, denn die Verhältnisse in der Arktis und die deutlich höheren Wassertemperaturen im Nordmeer lassen solch extreme Kaltluftansammlungen und folglich -ausbrüche im Spätherbst gar nicht mehr zu. Man vergleiche die Luftmassenverteilung und das Kältereservoir in der Arktis damals und heute bei vergleichbarer Grosswetterlage HNZ:


Die Gründe für diese eklatanten Unterschiede bei der Luftmassentemperatur liegen auf der Hand: Gegenüber Mitte November 1985 fehlen heute 2 Mio Quadratkilometer Arktiseis:
Die Luftmasse ab Donnerstag kommt zwar aus einer sehr kalten Region, muss aber den langen Weg über das heute eisfreie Nordmeer nehmen. Weitaus kälter könnte es bei uns werden, wenn der Weg direkt zu uns über Skandinavien genommen würde:

Um solche Vergleiche anstellen zu können, wird seit bald sechs Jahren intensiv am Grosswetterlagen-Projekt gearbeitet. Inzwischen sind im Wetterlagenkalender-Archiv alle Jahre bis 1982 zurück abrufbar, bis Ende Jahr soll es bis 1976 zurück reichen und somit volle 50 Jahre umfassen. Der Kalender ist nur die Grundlage einer Datenbank, die zukünftig detaillierte Statistiken über Häufigkeit und Verlauf von Grosswetterlagen sowie deren Veränderungen mit dem Klimawandel ermöglichen soll. Was die aktuelle Ausgangssituation für den kommenden Winter bedeutet, versuche ich in ungefähr einer Woche auf diesem Kanal zu ergründen.
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