„Grosses Stochern im Nebel“ lautete die Überschrift unserer Winterprognose vom 23. November. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich bereits ab, dass die Langfristmodelle mit ihren Rechnungen vom 1. November auf dem Holzweg waren, denn bereits die zweite Novemberhälfte verunfallte mit dem nicht modellierten Wintereinbruch. Der Winter 2025/26 entpuppte sich denn auch als ICE: Zu früh losgefahren, gleich auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigt und auf halber Strecke stehen geblieben.

„Wenn an Lichtmess zanken die Böcke, schlägt der Frühling ein die Pflöcke“. Diese neue Bauernregel fiel mir beim Anblick dieser Szenerie am 2. Februar spontan ein, und sie sollte Recht bekommen: In Bern war der Februar ein vollwertiger Frühlingsmonat, 1.3 Grad wärmer als ein März der Klimanorm 1961-90
Bleiben wir zunächst beim Regionalfokus, bevor wir das Grosse und Ganze anschauen. Der „Winter“ 2025/26 war in den Schweizer Alpen der sechstwärmste in der über 160-jährigen Messreihe, knapp zwei Grad über der Vergleichsperiode 1991-2020 und drei Grad über 1961-90. In den Niederungen der Alpennordseite war die Abweichung wegen der vielen Inversionslagen hingegen nicht so extrem.
Kein einziges der neun Langfristmodelle erkannte den deutlich zu kalten Winter in Nordeuropa, und auch nicht den extrem milden im Süden. Die Binsenweisheit, dass sich Langfristmodelle nicht zum Erkennen von Extrem- und Ausnahmesituationen eignen, weil sie stark auf statistischen Werten aus der Vergangenheit basieren, verdeutlichte sich wieder mal exemplarisch. Oben das Ensemble-Mittel der prognostizierten Temperaturabweichung, unten die Analyse:


Was soll man dazu noch sagen – schlechter geht’s nun wirklich nicht… Immerhin wurde der kühle zentrale Nordatlantik zumindest ansatzweise erkannt, entsprechend war auch die Tiefdruckproduktion mit folglich über weite Strecken dominante West- bis Südwestlagen gut prognostiziert. Das Problem lag am nordosteuropäischen Block, gegen den die atlantische Westdrift über vier Wochen hinweg permanent vergeblich anrannte. Die daraus resultierende Luftmassengrenze war derart festgetackert, dass sie sogar im Gesamtmittel der drei Wintermonate in der Karte markant auffällt: Sie zieht sich entlang einer Linie von Westfriesland bis zum Erzgebirge, weiter östlich markieren die für die nur bodennah seichte Kaltluft unüberwindbaren Riesengebirge, Hohe Tatra und Ostkarpaten die Grenze. Nordöstlich davon war es für heutige Verhältnisse ein strenger Winter, südwestlich davon beinahe ein Totalausfall. Einzig vom 4. bis 7. Januar wurde am nördlichen Alpenrand das Kriterium für signifikant kalte Tage erfüllt. In Wien hielt sich der Winter bis am 11. und kehrte vom 19. bis 22. Jänner sowie am 16. Februar als Eintagsfliege nochmal zurück.
Im Dezember Südwestlagen (mit einem neuen Rekord für die längste andauernde antizyklonale Südwestlage SWA von 13 Tagen), ab Weihnachten Ostlagen (davon 19 Tage Südost) prägten die „kalte“ Jahreszeit. Der GWT West konnte noch einigermassen mithalten (die roten Zahlen zeigen die Norm 2001-2025 an), alle anderen Grosswettertypen wurden marginalisiert. Wobei der Grossteil der Tage von West den „vermurksten“ winkelförmigen und südlichen Westlagen zugeordnet werden musste, weil der skandinavische bis osteuropäische Kaltluftblock stetig dagegenhielt, was sich auch im Mittel der Bodendruckabweichung eindrücklich manifestiert:
So war es denn auch kein Wunder, dass auch die Rechnungen der Niederschlagsverteilung von den Langfristmodellen völlig daneben lag, denn die atlantischen Störungen zogen permanent auf südlicher Zugbahn in Richtung Mittelmeer und erreichten erst im Februar auch Westeuropa. Das aufgelaufene Defizit konnte aber selbst mit den ergiebigen Schneefällen in den Westalpen nicht ausgeglichen werden:
Nun war die Extremsituation in Europa nicht etwa ein Einzelschicksal, sondern Teil eines Musters, das die gesamte Nordhemisphäre umfasste. Man nennt dieses auch WACCy (warm arctic, cold continents, wobei das y am Ende hinzugefügt wird, um das englische Wort für „verrückt“ = wacky nachzubilden):
Hier wird deutlich, dass das kalte Nord- und Nordosteuropa nur Anhängsel der west- bis zentralsibirischen Kaltluftmasse war. Ein zweiter Pool bildete sich in Alaska und Nordwestkanada aus. Alle übrigen Gebiete der Arktis inklusive Ostsibirien waren deutlich zu warm, aber auch fast der gesamte subtropische Gürtel mit massenhaft regelrecht pulverisierten Wärmerekorden in Nordafrika, weiten Teilen Asiens und im Südwesten der USA und in Mexiko. Weshalb es zu dieser extremen Ausprägung gegensätzlicher Temperaturverteilung im Dreimonatsmittel kam und vor allem wieso die Langfristmodelle dies nicht vorherberechnen konnten, ist eine interessante Frage. Sie würde allerdings den Rahmen dieses Blogs bei weitem sprengen und vor allem vertieftere Kenntnisse über die Modelleigenschaften voraussetzen. Was sich aber hier verdeutlicht: Produziert die Arktis kein ausreichend grosses Kaltluftpolster mehr und beschränkt sich die Kaltluftproduktion einzig auf die grossen Kontientalmassen, dann bleibt der Winter trotz günstiger Druckkonstellationen eben im Nordosten stecken und erreicht das südliche Mitteleuropa bzw. den Alpenraum anders als noch vor 30-50 Jahren nicht mehr oder nur noch für wenige Tage. Hier zum Vergleich die Abweichungskarte (analog zur obigen) des Winters 1995/96:
Hier zeigt sich zwar auch schon stellenweise die Klimaerwärmung z.B. in Grönland und Ostsibirien, aber der arktische Eisschild war noch einigermassen intakt und produzierte massig Kaltluft. Europa wurde somit nicht nur von Sibirien her, sondern auch vom Nordpol versorgt. Und wenn man eine volle Flasche ausleert, wird die Pfütze am Boden eben grösser als bei einer halben Flasche – gut zu sehen durch die grössere negative Abweichung in Europa einerseits und andererseits, dass die Anomalie nicht nur bis Norddeutschland, sondern bis in die Mitte Frankreichs vordringen konnte. Auch wenn ich mit dieser Aussage allmählich langweile, so gilt doch nochmal festzuhalten, dass das alljährliche Ausrufen von Jahrhundertwintern mancher Clickbait-Protagonisten jeglicher Grundlage entbehrt. Einen eindrücklicheren Beweis hätte der Winter 2025/26 nicht liefern können.
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