Würde man alle Hitzerekorde aufzählen wollen, die der Juni 2026 in Europa aufgestellt hat, käme man zu keinem Ende, daher fange ich gar nicht erst damit an. Sämtliche Wetterdienste haben sich in den letzten Tagen mit solchen Artikeln überboten, daher soll hier wie gewohnt der Blick auf das Grosse und Ganze gerichtet werden. Bis zum Ende des Monats war die Verschärfung der Trockenheit nur ein unterschwelliges Thema – im Gegensatz zum Alarmismus im April. Im Nachhinein war dieser berechtigt, sofern man vom worst-case-Szenario ausging, das nun tatsächlich eingetroffen ist. Ich bleibe hingegen dabei: Ein trockener Frühling ist weniger ein Problem als ein Segen für Natur und Landwirtschaft, sofern der Sommer dann die klimatologisch erwartbaren Niederschläge liefert. Dass eine extreme Hitzewelle die Trockenheit schlagartig massiv verschärft, ist hingegen eine Binsenweisheit – dass sich Hitze und Trockenheit gegenseitig hochschaukeln können, ebenso.

Plötzlich ging es schnell: Innerhalb einer Woche wurde aus dem saftig grünen Emmental eine Provence-Kopie (bei Konolfingen, 27.06.2026)
Die fotometeo.ch/orniwetter.info-Monatsprognose, erstellt am 1. Juni, lautete wie folgt:
Die über den Gesamtmonat gemittelte Abweichung des Geopotenzials im 500 hPa-Niveau weist ein komplexes, sowohl zonales wie meridionales Muster auf – was die Bedingung der eingangs erwähnten Überlegungen stark unterschiedlicher Witterungsphasen erfüllt: Einerseits erstreckt sich eine negative Anomalie von Grönland über das Nordmeer und Schottland hinweg bis nach Südskandinavien, andererseits ist auch ein Trogmuster vor den Westküsten Europas mit einem Ableger bei den Kanarischen Inseln zu sehen. Hochdruckanomalien befinden sich über dem zentralen Nordatlantik, zwischen Spanien und Südosteuropa, wobei der Alpenraum mit einbezogen wird, sowie über der Arktis bis Lappland. Dies bedeutet, dass sowohl Westlagen (vor allem WA und WZ), Südwestlagen wie auch Südlagen (jahreszeitgemäss hauptsächlich Trog Westeuropa und Tief Britische Inseln) den grössten Teil des Monats prägen dürften. Die statistisch ebenfalls häufigen Hochdrucklagen (BM, HM) werden Übergangsphasen zwischen den zonalen und meridionalen Blöcken bilden, aber kaum mehr so dominant sein wie noch im Mai. Sollte sich mal ein solches Hoch nach Skandinavien oder Nordosteuropa vertschüssen, sind vorübergehend auch zyklonale Ost- (HNFZ) bis Südostlagen (SEZ) möglich.
Die grössten Temperaturabweichungen von der Norm 1991-2020 sind im warmen Bereich unter dem mediterranen Hoch sowie in der Arktis zu erwarten. Damit liegen am Boden im Alpenraum und südlich davon Abweichungen von +2 bis lokal +3 Grad drin, nördlich der Alpen verbreitet +1 bis +2 Grad, in Nord- und Ostseenähe wahrscheinlich nur noch ein knappes Plus im Zehntelbereich. Markante negative Abweichungen erscheinen im Modell fast nirgends – es sei denn unter unserer treuen Leserschaft befinden sich welche, die sich besonders für den Südwesten Grönlands oder die Kaukasusregion interessieren.
Ein komplexes Druckverteilungsmuster hat ein ebensolches bei der Niederschlagsverteilung zur Folge. Nasse Regionen zeichnen sich im Einflussbereich des westeuropäischen Trogmusters ab, ansonsten sind sie bedingt durch Gewittertreffer zufällig verteilt und wahrscheinlich kaum genau dort zu erwarten, wo es die Karte unten auch zeigt. Sollte im zuletzt sehr trockenen Bereich von der Nordschweiz, Baden-Württemberg bis Bayern wie modelliert erneut nur die Hälfte des üblichen Niederschlags fallen, wäre dies keine gute Nachricht. Die Komplexität der Wetterlagenverteilung lässt zumindest auf strichweise ergiebige Gewittertreffer hoffen, ganz alle werden dabei aber vor allem abseits der Gebirgs- und Hügelzone selten bedient.
Vergleich der Prognose (oben) mit der Analyse (unten) der Abweichungen des Geopotenzials 500 hPa (ca. 5500 m) gegenüber dem langjährigen Mittel:

Die unterschiedlichen Kartenausschnitte erfordern etwas Aufmerksamkeit, aber die nur geringe Westverschiebung der Druckzentren gegenüber der Prognose lässt sich gut erkennen. Zudem entstand über Skandinavien eine nicht erwartete Brücke zum Hoch in der Arktis. Vor allem der Tiefdruckeinfluss auf Nordwesteuropa war hiermit geringer als erwartet, dafür etwas höher derjenige auf Osteuropa. Das Abtropfen Richtung Kanaren fand nicht statt, womit die erwarteten Südlagen ausblieben, stattdessen dominierten doch wieder die Hochdrucklagen über Mitteleuropa im letzten Monatsdrittel.
Abweichung der Monatsmitteltemperatur in ca 1500 m Höhe zur Vergleichsperiode 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Die leichte Westverschiebung ist auch hier erkennbar: Statt über dem westlichen Mittelmeer lag der südliche Hitzepol über Frankreich und Spanien, die erwartete neutrale bis leicht unterkühlte Zone von der Nordsee verschob sich auf den offenen Nordatlantik. Die Abweichung von +4 bis 5 Grad über Frankreich schlug voll bis zum Boden durch, auch in Basel erreichte sie +4.3 Grad.
Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Die erwartete Zufallsverteilung durch Gewittertreffer traf erwartungsgemäss ein, allerdings blieben sie sehr deutlich über weiten Teilen Frankreichs und der Schweiz aus. Gut erkannt wurden die heftigen Gewitter in den südlichen Ostalpen. Besser aufgelöst sind die Karten der Landeswetterdienste: Schweiz, Österreich, Deutschland, Frankreich.
Markant, aber kurz war die Schafskälte um den 10./11. Juni und somit zum klassischen Termin wie schon im Vormonat die Eisheiligen. Mehr als die Hälfte des Monats war deutlich zu warm. Das hochdruckbestimmte letzte Monatsdrittel wurde bereits erwähnt, der Rest war von Wetterlagen aus dem Westsektor geprägt. Dabei wurde mehrheitlich der Trend der letzten Jahre fortgesetzt, einzige Überraschung nur die Winkelwest-Lage:
Gezeigt wird, wie sich die Häufigkeit der einzelnen Grosswetterlagen seit dem Milleniumswechsel gegenüber der Vorperiode 1976-2000 verändert hat. Tippt man bei unsicherer Modelllage auf jene GWL, die zuletzt stark zugenommen haben, erhöht dies die Trefferwahrscheinlichkeit. Dies wird im aktuellen Fall verdeutlicht durch die schwarz hervorgehobenen Zahlen jener Wetterlagen, die tatsächlich im Juni 2026 aufgetreten sind. Diese Statistik wird bis auf weiteres fixer Bestandteil der Monatsanalyse sein.
Der letztjährige zweitwärmste Juni hinter dem Überflieger 2003 wurde bereits wieder auf den dritten Platz verwiesen – nicht nur in Basel wie in der untenstehenden Grafik, sondern verbreitet in den Niederungen der Deutsch- und Westschweiz. Der von MeteoSchweiz kolportierte „drittwärmste“ Juni seit Messbeginn kommt nur zustande, weil alle Naturräume in denselben Topf geworfen werden. Allerdings spüren die allermeisten Menschen nichts davon, wenn es auf dem Säntis und dem Grossen St. Bernhard etwas kühler ist. Ohne die „häidreyschn breygg“ vom 9. bis 12. Juni (früher als Schafskälte bekannt) wäre der 2003er, der keinen einzigen Tag unter der langjährigen Norm aufwies, locker getoppt worden. An 68 DWD-Stationen vom Westen bis in den Norden Deutschlands, die bereits 2003 gemessen haben, wurde ein neuer Rekord-Juni verzeichnet.
Ein direkter Vergleich zum ehemaligen Rekordjuni 1976 bietet sich an, weil damals eine sehr ähnliche Wetterlage herrschte wie 2026. Da dies den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen würde, erscheint demnächst ein separater Blog dazu.
Die Prognose für den Juli findet man auf unserer Partnerseite orniwetter.info. Sie wird je nach Datenverfügbarkeit ungefähr am 10. des Folgemonats verifiziert (die europäischen Portale brauchen leider für die Veröffentlichung deutlich länger als die NOAA, deren Analyse-Tool seit Mitte März nicht mehr aktualisiert wird).
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Microwave am 15. Juli 2026 um 16:22 Uhr
Danke für die Analyse. Ja, scheint jetzt doch schnell zu gehen langsam…mindestens augenscheinlich.
Grüsse Microwave
Thomas am 4. August 2026 um 20:43 Uhr
Ich glaube, heute ist gerade mal wieder ein Tag, an dem man sagen sollte:
Danke für diesen wertvollen und äusserst spannenden Blogbeitrag! Als etwas älteres Semester, der 1976 noch lebendig in Erinnerung trägt, habe ich ihn mit grosser Spannung gelesen!