Noch lange vor der üblicherweise heissesten Zeit des Jahres hat 2026 eine Rekordhitzewelle weite Teile Europas in der zweiten Junihälfte heimgesucht. Dabei wurden regional nicht nur Junirekorde gebrochen, sondern in vielen Ländern ehemalige Allzeitrekorde aus Juli und August überboten, unter anderem auch in Basel mit 39.0 °C am 27. Juni. Hier soll anhand der Messreihe Basel und europaweiten Vergleichen aufgezeigt werden, welche Parallelen und Unterschiede zu früheren Rekordjunis, insbesondere zu 1976 bestehen.
Knüpfen wir doch gleich dort an, wo wir die Juni-Analyse beendet haben: In den Niederungen der Alpennordseite (Schweiz, Süddeutschland) verwies der Juni 2026 seinen Vorgänger gleich wieder weg vom zweiten Rang der heissesten Junimonate seit Messbeginn. Nur der Überflieger 2003 steht da noch ganz alleine, weil damals die Schafskälte ausfiel. Als repräsentative Station haben wir hier eine Grafik der homogenen Messreihe von Basel zur Hilfe genommen. Im nördlichen West- und Mittleuropa hingegen war der Juni 2026 klar heisser als 2003:

Differenz der Juni-Mitteltemperatur 2026 zu 2003. In den blau eingefärbten Regionen war der diesjährige Juni kühler als 2003, in den roten heisser.
2003 wurde es exakt zum Monatswechsel kühler, es folgte ein Juli mit einer Abweichung von knapp +1.0 Grad zur Norm 1991-2020. Das ist zwar immer noch ordentlich warm, reicht aber heute bereits nicht mehr in die Top 10 der heissesten Julimonate. Erst zusammen mit dem extrem heissen August wurde der bis heute heisseste Sommer im südlichen Mitteleuropa eingetütet. Anders als 2003 setzte sich 2026 die Hitze nach nur kurzer Unterbrechung im Juli fort, womit sich die erste Sommerhälfte 2026 besser mit jener von 1976 vergleichen lässt:
Mit diesen offensichtlichen Parallelen lässt sich wunderbar Attributionsforschung betreiben, welche der Frage nachgeht: Wie viel Klimaerwärmung steckt in der diesjährigen Hitzewelle drin gegenüber jener vor 50 Jahren? Dieser Vergleich erhält umso mehr Gewicht, da die Grosswetterlagen im fraglichen Zeitraum 1976 sehr ähnlich waren wie 2026:

Grosswetterlagen im Juni und Juli 1976 und 2026 (Stand und Prognose vom 20. Juli) Quelle: orniwetter.info
Insbesondere vom 23. Juni bis 1. Juli herrschte in beiden Jahren mit Hoch Mitteleuropa und nachfolgend Hochdruckbrücke Mitteleuropa die gleiche Grosswetterlage vor, aber auch danach gibt es Ähnlichkeiten: 1976 HNA = Nordlage, 2026 folgte ebenfalls eine Phase mit nordwestlicher bis nordöstlicher Anströmung unter anhaltendem Hochdruckeinfluss. HNFZ zur Julimitte 2026 war im Alpenraum aufgrund der Positionierung des Höhentiefs auch eher eine Südwestlage, sie konnte nur deshalb nicht als solche klassifiziert werden, weil das dominante Hoch über Nordeuropa in der nördlichen Hälfte Mitteleuropas für eine Ostlage verantwortlich war. Kurzum: Die Herkunft der Luftmassen und die zusätzliche Erwärmung unter dem Hoch war in beiden Jahren über weite Strecken gleich. Da bietet es sich doch an, die GWL Hoch Mitteleuropa vom 25. Juni beider Jahre direkt gegenüber zu stellen. Gezeigt wird die Luftmassentemperatur in rund 1600 m sowie die Position der Hochs und Tiefs anhand des Geopotenzials in derselben Höhe:

Die Farbskala ist identisch, allerdings musste sie in jüngster Zeit um vier Grad nach oben erweitert werden. Nicht ohne Grund: Blieben 1976 die tropischen Luftmassen mit 25 Grad noch dort, wo sie hingehören, machten sie sich heuer über Frankreich breit und in Nordafrika erhitzte sie sich gar über 30 Grad. Eine identische Wetterlage bringt also heute eine fast fünf Grad wärmere Luftmasse als vor 50 Jahren. Das ist weitaus mehr als die globale Erwärmung von derzeit rund 1.5 Grad, die man als Laie (oder Möchtegern-Experte) gerne kleinredet. Extremwetterlagen potenzieren sich eben über grossen Landmassen, wenn die Zufuhr kühlerer Meeresluft abgeschnitten wird, aber gleichzeitig auch die Meere rundherum 2-3 Grad wärmer sind als früher, beim Mittelmeer ist es sogar noch mehr. Schlussendlich sieht die Differenz des Monatsmittels zwischen 1976 und 2026 so aus:
In fast ganz Europa war der Juni 2026 wärmer. In West- und Mitteleuropa, wo 1976 rekordheiss war, liegt 2026 „nur“ 1-2 Grad drüber, sonst sind es verbreitet 4-6 Grad.
Interessant ist auch eine Einordnung der End-Juni-2026-Hitzewelle im Vergleich zu sämtlichen Hitzewellen in allen Sommermonaten seit 1947, diesmal nur auf Frankreich bezogen. Je grösser der Kreis, umso ausdauernder war die Hitzewelle, je höher der Kreis liegt, umso höher waren die Maximaltemperaturen im landesweiten Schnitt über alle Tage jener Hitzewelle:
Hier zeigt sich eindrücklich die zunehmende Häufung in den letzten 20 Jahren, aber auch dass die Intensität allmählich ansteigt. Wer also als schon etwas älteres Semester behauptet, er habe früher auch schon solche Hitzewellen erlebt, den täuscht die Erinnerung dahingehend, dass es damals nicht ganz so extrem heiss wurde, vor allem aber, dass es nicht wie inzwischen fast alljährlich (manchmal wie heuer und letztes Jahr sogar mehrmals), sondern eben recht selten solche Hitzewellen gab. Es ist diese massive Erhöhung der Schlagzahl, die den eindeutigen Beweis der Klimaerwärmung liefert – etwas, das man 2003 noch nicht mit Sicherheit feststellen, wenn auch vermuten konnte.
Was noch hinzukommt und sich leicht feststellen lässt, wenn man die Witterungsverläufe im Wetterlagenkalender betrachtet: Früher brachten die kühleren Phasen im Sommer nicht selten längere Witterungsabschnitte, die wirklich aufs Gemüt schlagen konnten. Die heutigen „Kaltlufteinbrüche“ wie der aktuelle hingegen bringen gerade mal ein paar Tage Temperaturen im langjährigen Mittel oder geringfügig darunter. Echte Kaltphasen (im Wetterlagenkalender blau) sind selten geworden und tauchen oft nur noch als Einzeltage auf, hin und wieder 2-3 Tage, nur in Einzelfällen noch mehr. Wobei man hierbei auch noch berücksichtigen muss, dass der Wetterlagenkalender jeweils zum damals gültigen Mittel erstellt wurde, also im obigen Beispiel 1976 zur Klimanorm 1961-1990, 2026 zu 1996-2025. Die mittlere Sommertemperatur in den Niederungen der Alpennordseite ist in dieser Zeit um zwei Grad angestiegen.
Mit einem Missverständnis müssen wir an dieser Stelle auch noch aufräumen. Manche Wetterdienste erweisen der Sache einen Bärendienst, wenn sie hin und wieder verkünden, dass die „normale“ Tageshöchsttemperatur z.B. Anfang Juli 24 Grad betrage, es also mit 28 Grad zu warm wäre. Die mittlere Tageshöchsttemperatur ist nicht das „Normal“ und alles andere zu warm oder zu kühl, sondern es gibt eine Spanne der Normalität. 28-30 Grad sind an einem sonnigen Sommertag genauso normal wie 18-20 Grad an einem verregneten. Das Problem heute liegt darin, dass die kühlen verregneten Sommertage kaum noch vorkommen, was das aktuelle Mittel weiter in die Höhe treibt.
Ebenso verheerend ist allerdings die mit Hitze einhergehende Trockenheit. Der Niederschlagsmangel ist das Eine, aber deutlich höhere Temperaturen, meist in Einklang mit hoher Sonnenscheindauer und mitunter auch noch austrocknendem Wind auch an den etwas weniger heissen Tagen, verschärfen die Situation zusätzlich. Die erste Sommerhälfte 1976 war ebenfalls extrem trocken, aktuell liegen aber erst die Auswertungen für den Juni vor. Analog zu obigen Karten mit den Temperaturen ist hier ein Vergleich beim Niederschlag dargestellt:
In den blauen Regionen war der Juni 2026 etwas nasser als 1976, wobei wir hier meist von Differenzen im einstelligen Millimeterbereich sprechen – bei der aktuellen Verdunstungsrate also vernachlässigbar. Wobei solche Statistiken an eine natürliche Grenze stossen: Weniger als nichts kann ja schliesslich nicht fallen. Die diesjährige Trockenheit ist in Mitteleuropa also nur punktuell schlimmer, so etwa im Schweizer Mittelland. Noch weitaus prekärer ist die Situation aber verbreitet in Südeuropa.
Mit dem heutigen Tag beginnen die sogenannten Hundstage, also die üblicherweise heisseste Zeit des Jahres. Man darf gespannt sein, welche Bilanz wir nach Abschluss des meteorologischen Sommers Ende August ziehen werden. Derzeit sind ja die Spekulationen gross, dass der Gesamsommer 2026 den Rekordsommer 2003 in Sachen Hitze ablösen könnte. Im Alpenraum wird das aufgrund des extrem heissen August in Kombination mit dem Überflieger Juni 2003 schwierig, vielerorts weiter nördlich fehlt dazu auch mit Blick auf die mittelfristigen Prognosen nicht viel.
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Microwave am 24. Juli 2026 um 01:10 Uhr
Hoi Fabienne,
Danke vielmal für dein Beitrag, und die zugefügten Statistiken vom MeteoFrance!
Danke auch für die Zeitaufwendung zum eine vergleichbare frühere Lage finden auch wenn sie so weit zurück war.
Grüsse – Microwave
Roger09 am 24. Juli 2026 um 21:07 Uhr
Hi, bin von der Wetterzentrale mal hier rüber. Sehr interessanter Vergleich, vielen Dank dafür! Ich war 1976 schon unterwegs und weiss, wie sehr mich der Sommer gestresst hat. Dieser ist aber m.E. noch viel schlimmer.
Grüßli, Roger
Thomas am 4. August 2026 um 22:35 Uhr
Ich glaube, heute ist gerade mal wieder ein Tag, an dem man sagen sollte:
Danke für diesen wertvollen und äusserst spannenden Blogbeitrag! Als etwas älteres Semester, der 1976 noch lebendig in Erinnerung trägt, habe ich ihn mit grosser Spannung gelesen!