Der im Nachgang kolportierte „durchschnittlich temperierte Juli 2025“ in Mitteleuropa erzählt mal wieder nicht die ganze Geschichte. Die ersten drei Tage waren so abartig heiss, dass sie das Mittel des Gesamtmonats um fast ein ganzes Grad aufbesserten. In der Schweiz und angrenzenden Gebieten blieb es auch noch bis zum 5./6. schwül-warm, dieser Start zog das Juli-Mittel um insgesamt 1 bis lokal 1.5 Grad nach oben. Kein Wunder, wurde der Rest als deutlich zu kühl und zu nass, aber vor allem unterdurchschnittlich sonnig wahrgenommen. Weshalb man sich den Eindruck eines Grusel-Julis vor allem im Alpenraum nicht ausreden zu lassen braucht, darauf wird im Exkurs am Ende eingegangen.

Solche Abende galt es mit Verstand zu geniessen (Bern, 18.07.2025 – das nächste Tief kündigt sich bereits an)
Die fotometeo.ch/orniwetter.info-Langfristprognose für den Juli, erstellt am 1. Juli, lautete wie folgt:
Was tun, wenn sich die Langfristmodelle für den Juli widersprechen oder in sich derart inkonsistent sind, dass schlicht nichts Vernünftiges dabei rauskommen kann? In solchen Fällen bleibt nur der Griff zur guten alten, wenn auch modern ausgelegten Siebenschläfer-Regel. Selbst dann, wenn deren Tauglichkeit wie im aktuellen Fall durch einen synoptischen Unfall in der zweiten Juliwoche (das ist immerhin schon relativ sicher) in Frage gestellt wird: Die Erfahrung zeigt, dass sich das Muster zum Monatswechsel Juni/Juli in etwa drei Viertel der Sommer immer wieder regeneriert. Darauf stützt die folgende Prognose, wenngleich sie im Pool der Läufe keine Mehrheit findet, sondern schon fast als Einzelfall herausgepickt werden muss. Etwas riskant, aber wer nichts wagt, der nichts gewinnt…
Dieser ominöse Lauf rechnet mit einer positiven Abweichung des Geopotenzials in 500 hPa (im Sommer bei uns durchschnittlich 5700 m), die sich als Brücke von Neufundland über die Britischen Inseln und das nördliche Mitteleuropa bis ins südliche Westrussland erstreckt. Der gesamte Bereich nördlich davon bleibt unter Tiefdruckeinfluss, die Frontalzone verläuft somit im Mittel knapp nördlich an Schottland vorbei über Südnorwegen und das nördliche Baltikum. Eine schwach negative Geopotenzial-Anomalie zeichnet sich über den Azoren und dem zentralen Mittelmeer ab. Die dominierenden Grosswetterlagen sind West antizykonal (WA), Hochdruckbrücke (BM) und Hoch Mitteleuropa (HM). Die zweite Juliwoche wird nach aktuellem Stand von einer zyklonalen Nordwestlage (NWZ) geprägt, die mit zur Vergleichsperiode 1991-2020 leicht negativen Abweichung die sehr heisse erste Juliwoche nicht annähernd ausgleichen kann.
Die Temperaturabweichung hält sich ziemlich genau an die Druckabweichung: Wo Hochdruck dominiert, wird die Luftmasse ein bis zwei Grad über der Klimanorm gerechnet, in den tiefdruckbestimmten Regionen meist um ein Grad kühler. Am Boden bedeutet dies in West- und Mitteleuropa mit überdurchschnittlicher Besonnung ein Mittel von etwa zwei Grad über KliNo 1991-2020 und somit potenziell Rang 2 seit Beginn der homogenisierten Messreihe 1864 in den Niederungen der Alpennordseite. Kurzum: Der Juli würde bei uns genau dort weitermachen, wo der Juni aufgehört hat. Diesmal ist aber auch die Nordhälfte Deutschlands mit im Boot, der scharfe Temperaturgradient verscheibt sich auf den Bereich zwischen Dänemark und Südnorwegen. Die Temperatur der Luftmasse über dem Mittelmeer wird wahrscheinlich gewaltig unterschätzt, jedenfalls ist bei den aktuell rekordhohen Wassertemperaturen nicht nachvollziehbar, woher die negative Abweichung kommen soll.
Etwas komplizierter ist es im Sommer naturgemäss bei der Niederschlagsverteilung. Eher am Südrand der Hochdruckbrücke gelegen, werden die Alpen wie auch die Pyrenäen und die Mittelgebirge wahrscheinlich durch häufige Gewitter übernormal gewässert, während sich im Flachland tendenziell die Fortsetzung der Trockenheit abzeichnet. Am ausgeprägtesten wird diese wahrscheinlich in Ostseenähe sein. Der nasse Gürtel der Westwindzone erstreckt sich über Island bis Lappland und kommt daher kaum mal in Mitteleuropa an.
Vergleich der Prognose (oben) mit der Analyse (unten) der Abweichungen des Bodendrucks gegenüber dem langjährigen Mittel:

Lehrstück Nr. 1 in diesem Juli: Es gibt auch Omega-Tiefs. Das für den 7. Juli prognostizierte Tief zog nicht wie erwartet unter Auffüllung nach Osten weiter, sondern grub sich über Polen ein, schaufelte an seiner Vorderseite extrem warme Luft in den hohen Norden, was wiederum ein dortiges Hoch fütterte – vollendet war die perfekte Blocking-Lage. Das Tief war eingekesselt und bewegte sich nur noch marginal etwas nach Westen, dann wieder nach Osten, und als es sich zur Monatsmitte auffüllte, stiess vom Atlantik her bereits das nächste nach. Vergleicht man die Analyse mit der Prognose, so sieht man eine grobstrukturell sehr gute Übereinstimmung. Blöd nur, dass alles etwa 1500 km nach Norden verschoben stattfand – die Mutter aller Fehlprognosen war geboren.
Die Abweichung der Monatsmitteltemperatur in rund 1500 m zur Klimanormperiode 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Verschieben sich die Druckgefüge, tun dies logischerweise auch die Temperaturen. Statt quer durch Mitteleuropa lag der Wärmegürtel schlussendlich über Island und Skandinavien. Bis zu elf Hitzetage verzeichneten etliche Städte nördlich des 60. Breitengrades. Schlagzeilen machte vor allem Trondheim auf 63.45 Grad Nord mit einem TMax von 34.5 °C am 17. Juli. Trotz normal temperiertem Anfang und Ende des Monats landete die Juli-Abweichung dort 4.1 Grad über der Vergleichsperiode 1991-2020. Der 22. Juli lag elf Grad über der Norm, da erblassen selbst die sechs Grad Abweichung in Mitteleuropa am 2. Juli. Apropos Mitteleuropa: Die so oft herbeigeschriebenen 40 Grad wurden auch diesmal verfehlt: 39.3 in Andernach (Rheinland-Pfalz), 38.0 in St. Andrä im Lavanttal (Kärnten) und 35.7 in Basel waren die offiziellen Höchstmarken in den einzelnen Ländern.
Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Beim Niederschlag wird die Fehlprognose besonders deutlich: Mit den Druckabweichungen verschoben sich auch die Niederschlagsschwerpunkte. Wo Trockenheit erwartet wurde, fielen wie in Ostdeutschland bis zur vierfachen Menge eines normalen Juli, und wo es nass sein sollte, blieb es trocken wie etwa auf dem Balkan und in Nordskandinavien. Leider wird nach der 2m-Temperaturkarte die NOAA-Analyse nun auch beim Niederschlag zunehmend unbrauchbar, vermutet wird ein falscher Klimawert irgendwo im südlichen Mitteleuropa. Genau dort nämlich war es besonders nass: In Bregenz wurde mit 410 mm der alte Juli-Rekord aus 1955 gebrochen. Mehr als sonst empfiehlt sich also ein Blick in die hoch aufgelösten Karten der Landeswetterdienste: Schweiz, Österreich, Deutschland. In Westösterreich und in den bayerischen Alpen wurden durchschnittlich 25 Niederschlagstage gezählt, im langjährigen Schnitt sind es deren 18, man bekam also im ohnehin nassen Hochsommermonat noch eine Woche obendrauf eingeschenkt. Sehr eindrücklich bildet sich dies auch bei den Grosswetterlagen ab:
Nach den ersten sechs Tagen mit antizyklonaler Südwest- und Westlage war nur noch Tiefdruckwetter angesagt. Sämtliche Gruselwetterlagen (einzig Nordost zyklonal fehlt) gaben sich die Klinke in die Hand. Trog und Tief Mitteleuropa beherrschten fast die Hälfte des Monats, flankiert von Nordwest und West zyklonal sowie Tief Britische Inseln, das zwar zu den Südlagen zählt, aber eben selten bzw. meist nur für einen Tag richtige Warmluft anzapft. So kamen auch die 24 feuchten und nur sieben trockenen Tage zustande. Heisse und sehr kühle Tage hielten sich fast die Waage, 18 Tage bewegten sich in der normalen Bandbreite, was dann eben im Endresultat einen „völlig normalen“ Juli ergibt.
Die Prognose für den August findet man auf unserer Partnerseite orniwetter.info, sie wird zu Beginn des nächsten Monats in diesem Blog verifiziert.
Exkurs: Grusel-Juli früher und heute
Ziemlich exakt landete der Juli nicht nur in der Gesamtfläche Deutschlands, sondern auch in den Niederungen der Alpennord- und Südseite in der Schweiz auf dem Klimamittel 1991-2020 – je nach Station gab es hier Abweichungen von maximal +/-0.3 Grad. Etwas negativer bilanzieren die Hochlagen der Alpen, so etwa Samedan mit -0.9 Grad. Nimmt man den Erwartungswert (gleitendes Mittel der letzten 15 Jahre), so war der Juli 2025 ein knappes Grad zu kühl, wobei ja wie erwähnt ein zusätzliches Grad durch den sehr heissen Start ermogelt wurde:
Betrachtet man diese Grafik und nimmt den linearen Trend als Massstab für den Juli 2025, so liegt dieser tatsächlich genau im Schnitt. Gerne wird der Vergleich mit der Normperiode 1961-90 bemüht, wonach der Juli 2025 „zu warm“ war, weil jene 30 Jahre 1.5 Grad kühler waren als die letzten 30. Es ist also naheliegend, dass ein schon etwas gesetzterer Meteorologe mit klingendem Namen euch in den Deutschschweizer Leitmedien ausreden möchte, dass dieser Juli aussergewöhnlich kühl war. Besonders die Generation Z braucht sich aber für ihr Empfinden eines Grusel-Juli nicht zu schämen, denn sie kennen es nicht anders. Eingetragen wurden nebst dem Rekordhalter 2007 die Kennzahlen der Ausreisser nach unten, und da findet man das letzte echte Grusel-Exemplar im Jahr 2011, daran mögen sich manche vielleicht gerade noch erinnern, auch an die Julis 2021 und 2014, die in einer ähnlichen Liga wie der diesjährige spielten. Beim Juli 2000 wird es bereits schwierig und bei 1980 gar unmöglich. Ich hingegen bin vom Juli 1980 noch heute traumatisiert mit den zwei Ferienwochen im Eriz auf 1000 m Höhe, wo es gefühlt jeden Tag geschüttet hat und wir kaum einmal die Sonne zu Gesicht bekamen. In den letzten 45 Jahren hat sich ein Grusel-Juli also kontinuierlich gewandelt und ist heute knapp vier Grad wärmer – und ja: Es gab sie damals nicht als Einzelexemplare alle 5-7 Jahre mal, sondern gleich im Multipack 1977-1981, vermutlich war da gerade ein Sonderangebot an Polarluft. Also ja, es war früher viel extremer mit den verregnet-kühlen Sommerferien, das berechtigt jedoch meine Generation nicht dazu, jene zu verurteilen die das nicht erlebt haben und im Juli Hochsommerwetter erwarten.
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