Kalter Start, vorgezogenes Weihnachtstauwetter mit West- oder Südwestlagen bis mindestens zum Jahreswechsel – so waren wir uns das in den letzten Jahren gewohnt. Was der diesjährige Dezember veranstaltet hat, war völlig entgegengesetzt zu den langjährigen Statistiken und war der krönende Abschluss zu einem verrückten Jahr, das wir aus gegebenem Anlass diesmal in einem separaten Beitrag behandeln werden. Sogar ein Kaltlufttropfen exakt zum Heiligen Abend sorgte hier und da für weisse Weihnachten, verursacht durch eine Grosswetterlage, die in den letzten 50 Jahren exakt einmal im Dezember (2008) mit drei Tagen aufgetreten ist, kurioserweise damals ebenfalls zu Weihnachten.

Föhnstimmung und Schneearmut zum astronomischen Winterbeginn auf dem Furkajoch in Vorarlberg (1630 m). Quelle: foto-webcam.eu
Die fotometeo.ch/orniwetter.info-Monatsprognose, erstellt am 1. Dezember, lautete wie folgt:
Die Modellkonsistenz ist leider auch hier schlecht, denn in den letzten Tagen war blau (positive nordatlantische Oszillation = überwiegend Westwindeinfluss für Mitteleuropa) noch dominierend. Der rote Block hat aufgeholt, nun halten sich die beiden ungefähr die Waage – nicht wirklich eine optimale Ausgangslage für eine verlässliche Prognose. Was man einzig aus dieser Grafik herauslesen kann: Der Atlantik-Block bzw. -Rücken (ATR = violett) ist marginalisiert, was darauf hindeutet, dass die an jedem Tag mindestens einmal vom amerikanischen Modell irgendwann zwischen Tag 12 und 15 gerechnete Nordlage eher unwahrscheinlich ist. Der Block wird von den einzelnen Läufen mal über Skandinavien, mal über dem Baltikum, mal eher über Südosteuropa, mal etwas näher bei uns und mal etwas weiter entfernt im Osten gerechnet. Die Position entscheidet darüber, ob wir in Südwest-, Süd-, Südost- oder Winkelwestlagen geraten oder auch mal direkt unter das Hoch. Erfahrungsgemäss verändern sich solche Blockadehochs über den Gesamtmonat gesehen immer etwas in ihrer Position, können kurzfristig sogar verschwinden und an anderer Stelle wieder neu aufgebaut werden, daher die unterschiedlichen Rechnungen im Modell – der Unterschied liegt lediglich darin, welche der aufgezählten Wetterlagen die häufigsten sein werden oder sich abwechslungsweise etwa die Waage halten. Nordwest- über Nord- bis Ostlagen sind bei dieser Konstellation eher aussen vor.
Bei dieser Ausgangslage bleibt einem strategisch nichts Anderes übrig, als den Kompromiss bzw. das Mittel aus all diesen Rechnungen herauszupicken. Dieses zeigt das erwähnte starke Atlantiktief südlich von Island und westlich von Irland mit Einfluss bis Westeuropa, das Azorenhoch ist eher schwach. Das Zentrum des Blocks wird vom Baltikum bis in die Ukraine gerechnet und erstreckt sich auch bis nach Mitteleuropa und über Skandinavien bis ins Nordmeer, eine schwächere positive Anomalie wird zudem im westlichen Mittelmeerraum und über der Iberischen Halbinsel gezeigt.
Bei der in diesem Lauf gerechneten Position des Blockadehochs ist auch der Weg sibirischer Kaltluft nach Europa versperrt, entsprechend hoch werden die positiven Anomalien mit Schwerpunkt Nordosteuropa gerechnet. Erfahrungsgemäss kühlt die bodennahe Schicht unter Hochdruckeinfluss auch ohne Schneedecke aber stärker aus, was vom Modell gerne unterschätzt wird, die gezeigten +3 Grad für Mitteleuropa halte ich daher für etwas übertrieben, ein bis zwei Grad dürften realistischer sein. Dies wird aber nicht etwa durch abnormal warme Tage zustandekommen, sondern eher der isolierenden Hochnebeldecke geschuldet sein, die knackige Nachtfröste verhindert. Der brühwarme hohe Norden zeigt auch, dass aus dieser Richtung (sollte GFS mit seinen Einzelläufen doch nicht irrlichtern) kein Wolfswinter zu erwarten ist. Einzig Kaltluftausbrüche von Grönland direkt zu uns hätten genug Biss für ein paar ordentliche Wintertage – nachhaltig ist solches in der Regel aber nicht, weil der warme und aktive Atlantik diese Luftmassen rasch erwärmt bzw. wieder verdrängt.
Mittel- und Osteuropa wird somit einen eher trockenen, vielleicht sogar sehr trockenen Dezember erleben. Die atlantischen Fronten legen sich bei uns ins Grab, meist ziehen sie aber von den Azoren über England in Richtung norwegische Südküste. Im Mittelmeerraum wird auch ordentlich Niederschlag gerechnet. Hierzu kann ein einzelnes von einem westeuropäischen Trog abtropfendes Tief ausreichen, um solche Abweichungen zu verursachen, denn die Wassertemperatur liegt nach wie vor deutlich über dem langjährigen Schnitt, im östlichen Mittelmeer deutlich über zwei Grad.
Vergleich der Prognose (oben) mit der Analyse (unten) der Abweichungen des Bodendrucks gegenüber dem langjährigen Mittel:

Bis Tag 23 passte die Prognose perfekt, danach dehnte sich das Blockadehoch westwärts über Island bis Grönland aus und baute die dort bis anhin vorhandene negative Anomalie noch kräftig ab. Die Tiefs wurden nach Südwesteuropa gelenkt und sorgten für den Rest des Monats dort noch für eine negative Druckabweichung. Bei der Fülle der gerechneten Varianten keine schlechte Wahl.
Abweichung der Luftmassen-Monatsmitteltemperatur in rund 1500 m Höhe zur Vergleichsperiode 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Noch besser als die Druckverteilung wurde die Luftmassentemperatur gerechnet. Die grösste Abweichung erfolgt aus oben beschriebenen Gründen in Grönland, wo zum Ende des Monats durch ein kräftiges Hoch aussergewöhnliche „Wärme“ einsetzte. In Mitteleuropa war die Prognose fast makellos, wenn man ein halbes Grad Differenz als tolerabel betrachtet. Die höchste positive Abweichung wurde etwas grösser und im Zentrum auch wärmer prognostiziert. Der DWD meldet als Deutschlandmittel (in dem Bergstationen nicht so stark ins Gewicht fallen) eine Abweichung von +1.3 zur Norm 1991-2020, die „händisch“ korrigierte Prognose auf plus ein bis zwei Grad für die bodennahe Schicht erwies sich somit als genau richtig.
Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Auch hier kann man eine gute Prognosequalität attestieren, zumindest was Europa selbst betrifft. Die nasse Zone von den Britischen Inseln bis Skandinavien lag etwas südöstlicher, zeigt aber sehr schön die lange andauernde Südwestströmung der Frontalzone an. Auch die nassen Gebiete im westlichen und östlichen Mittelmeer wurden gut erkannt, die trockenen in Mittel- und Osteuropa nahezu perfekt, für den Streifen von der Nordsee über Nordosten Deutschlands bis nach Westpolen muss man allerdings ein Auge zudrücken. Für regionale Details ziehe man wie üblich die Karten der Landeswetterdienste zu Rate: Schweiz, Österreich, Deutschland.
16 Tage Südwestlagen – das neue statistische GWL-Jahr fängt schon mal wild an. 13 Tage Südwest antizyklonal am Stück vom 8. bis 20. Dezember sind zudem neuer Rekord für die letzten 50 Jahre. Dieser Umstand führte zu einer lokalen Besonderheit: In Andermatt (Kanton Uri, Stationshöhe 1438 m) wurde der wärmste Dezember seit Messbeginn vor 160 Jahren verzeichnet, wie schon beim bisherigen Rekordhalter 1915 wurde eine Abweichung von +4.2 Grad zum Mittel 1991-2020 erreicht. Dies liegt an der Ausrichtung des Urserentals: Der Südwestföhn kann dort perfekt von der Furka runter wirken. In Wintermonaten mit überwiegend südwestlicher Anströmung werden so vor allem die sonst klirrend kalten Nächte in diesem Hochtal verhindert. Überhaupt zeigt dieses Beispiel, dass insbesondere im Winter die Zusammenfassung von Temperaturabweichungen eines sehr grossen Gebietes wenig aussagekräftig ist: Die Niederungen der Alpennordseite waren völlig vom Geschehen in den Bergen entkoppelt (bloss +0.7 Grad zur neuen Klimanorm). An keiner tief gelegenen Station gelangte der Dezember 2025 in die Top 10, hingegen war es auch auf dem 2500 m hohen Säntis der zweitwärmste Dezember der 160-jährigen, homogenisierten Messreihe. Erwähnenswert ist das erneute Fehlen deutlich zu kalter Tage, da dieses Kriterium nur lokal am 31. Dezember erfüllt wurde. In der Fläche und mit Einbezug der Hochlagen waren auch die Tage ab Weihnachten nur im normal kühlen Bereich einzuordnen. Die gerade mal fünf „nassen“ Tage (vielerorts waren es nur wenige Tropfen oder Flocken) unterstreichen die stark negative Niederschlagsbilanz.
Die Prognose für den Dezember findet man auf unserer Partnerseite orniwetter.info, sie wird zu Beginn des nächsten Monats in diesem Blog verifiziert.
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