Grosswetterlagen (GWL) werden in Grosswettertypen (GWT) zusammengefasst, und jene in Zirkulationsformen (ZF). Damit lassen sich langfristige Veränderungen oder auch mittelfristige Schwankungen im Klima erfassen. In Mitteleuropa ist der Grosswettertyp West, identisch mit der zonalen Zirkulationsform, der Normalzustand der Atmosphäre. Deshalb spricht man auch von der Westwindzone in den gemässigten Breiten. Mit einem Anteil von knapp einem Viertel ist West bei uns der häufigste von insgesamt acht Grosswettertypen. Ein Porträt.

Beim GWT West herrscht eine recht beständige, meist stramme Westwindströmung (hier in rund 1500 m Höhe dargestellt) über den gesamten Nordatlantik hinweg bis weit in den europäischen Kontinent hinein
Beschreibung
Über dem Nordatlantik und Europa herrscht eine mehr oder weniger durchgängige, den Breitengraden entlang verlaufende Westwindzone (= zonale Zirkulationsform). Nördlich davon befindet sich tiefer, im Süden hoher Luftdruck. Je nach Lage der Zugbahn der steuernden Tiefdruckgebiete und ihrer Randtiefs werden die Grosswetterlagen WA, WZ und WS unterschieden. WW ist ein Sonderfall mit blockierendem Hoch über Osteuropa, der die Westströmung scharf nach Norden umbiegen lässt. Mitteleuropa wird mit atlantischen und somit feuchten, meist milden Luftmassen versorgt. Typisch ist die oft rasche Abfolge von sehr milder Luft subtropischen Ursprungs in den Warmsektoren der Tiefs und kühlerer Luft polarer Herkunft auf den Rückseiten.
Zuordnung
Grosswetterlagen (GWL): West antizyklonal WA, West zyklonal WZ, südliche Westlage WS, winkelförmige Westlage WW
Zirkulationsform (ZF): zonal
Klimaregime: meist NAO+ (positive nordatlantische Oszillation), bei WS NAO- (negative nordatlantische Ozillation), bei WW manchmal auch Block
Statistik
häufigstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: Dezember 31.61 %
häufigstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: Dezember 39.23 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: April 10.67 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: Mai 8.90 %
Häufigkeit Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025: 22.97 %, Veränderung gegenüber 1976-2000: -2.60 Prozentpunkte
längste ununterbrochene GWT-Phase West: 34 Tage vom 9. Februar bis 13. März 2020
Der GWT West hat sein statistisch häufigstes Auftreten im Winter und im Hochsommer. Eine Zunahme in den letzten 25 Jahren wurde nur in den Monaten Februar, April und am stärksten im Mai verzeichnet. In allen anderen Monaten ist West rückläufig, am stärksten von September bis Januar. Die typischen winterlichen Westlagen verspäten sich immer häufiger: Mutmasslich eine Folge der heute länger eisfreien europäischen Arktis im Herbst und somit später auftretenden starken Temperaturgegensätzen, die für die Entwicklung kräftiger Tiefdruckgebiete in diesen Breiten Voraussetzung sind. Im Gegenzug setzt die sommerliche zonale Zirkulationsform immer früher ein, was sich an der starken Zunahme im Mai feststellen lässt. Es wird spannend zu beobachten sein, ob und wie sich dieser Trend mit weiter schrumpfender Eisfläche in der Arktis fortsetzen wird.
Durch die eigene, konsistente Bestimmungspraxis wurden die viel extremeren Schwankungen nach DWD-Bestimmung deutlich geglättet. Trotzdem ist immer noch eine Schwäche nach dem Milleniumswechsel auszumachen. Seit 2015 ist wieder eine Zunahme festzustellen, so dass heute der GWT West wieder das Niveau der 70er bis frühen 90er-Jahre erreicht hat. Der aktuelle Erwartungswert liegt zwischen 90 und 100 Tagen pro Jahr.
Die tagesgenaue Auflösung zeigt nach wie vor eine Spitze zum Jahresbeginn, Anfang März sowie deren drei im Sommer, hier allerdings um etwa zwei Wochen zeitverschoben zur früheren Auswertungsperiode. Auffällig ist die Vorverschiebung der zonalen Zirkulation im Frühsommer bis in den Mai bei gleichzeitiger Verspätung im Herbst, hier äusserst deutlich. Der Temperaturgradient zwischen vereister Arktis und dem milden Nordatlantikstrom ist der Hauptantrieb von Westlagen. Ein späteres Zufrieren der Arktis im Herbst und früheres Auftauen bzw. viel kleinere Eisfläche im Frühling hat somit deutliche Auswirkungen auf unsere Wetterlagen. Seit 2021 wird eine Zunahme von südlichen und zyklonalen Westlagen aufgrund starker Erwärmung des subtropischen Atlantiks und somit stärkerem Temperaturgradienten zum Nordatlantik festgestellt. Dieser Trend geht in der Entwicklung 25-jähriger Zeiträume noch unter, wird aber in naher Zukunft spannend zu beobachten sein, ob er sich weiter verstärkt.
Typische Beispiele
Vergleich des Bodendrucks der vier Westlagen im Winter (linke Spalte) und im Sommer (rechts). Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht:
Diese Darstellung dient einerseits dem Vergleich der vier verschiedenen Westlagen, andererseits zeigt er den Unterschied zwischen derselben Wetterlage im Winter und im Sommer auf. Im Winter sind die Druckunterschiede zwischen Hoch und Tief ausgeprägter, was auch stärkeren Westwind (typische Winterstürme) zur Folge hat. Damit ziehen auch die Fronten schneller, Witterungsphasen wechseln sich häufiger ab. Im Sommer wirkt zudem meist ein Azorenhoch als Gegenspieler, im Winter ein Mittelmeerhoch.
Temperaturverteilung im 850hPa-Niveau (ca. 1500 m) derselben Wetterlagen wie oben (Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht):
Typisch für den GWT West bzw. die zonale Zirkulationsform ist eine klare Aufteilung in einen kalten Norden und warmen Süden. Im Winter bleibt die Kaltluft in der Arktis eingeschlossen, Ausnahme bildet die kalte Kontinentalmasse im Osten insbesondere bei der winkelförmigen Westlage. Im Sommer bei deutlich schwächerem Jetstream ist die Aufteilung etwas weniger streng geordnet, in jüngster Zeit kommen sich polare und tropische Luftmassen immer näher und verschärfen den Temperaturgradienten in den gemässigten Breiten.
Grundlagen:
Katalog der Großwetterlagen Europas (1881-2009) nach Paul Hess und Helmut Brezowsky
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 1976-2000
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