Grosswetterlagen (GWL) werden in Grosswettertypen (GWT) zusammengefasst, und jene in Zirkulationsformen (ZF). Damit lassen sich langfristige Veränderungen oder auch mittelfristige Schwankungen im Klima erfassen. Die Schwächung des Grosswettertyps West stärkt die beiden benachbarten GWT Nordwest und Südwest, letzterer hat aktuell einen mittleren Anteil von ungefähr 10 % im Jahresschnitt und ist jener GWT, der seit dem Milleniumswechsel am stärksten zugenommen hat. Ein Porträt.

Südwestlagen führen in der Regel subtropische Luftmassen bis weit in den Nordosten Europas. Je nach Position des Hochs im Süden kann die Herkunft der karibische Raum oder wie im gezeigten Fall die Kanaren bzw. das westliche Nordafrika sein.
Beschreibung
Mässig mäandrierende Frontalzonen mit einer Neigung von ungefähr 45 % zu den Breitengraden werden der gemischten Zirkulation zugeordnet. Liegen Hochs im Südosten Europas oder dem zentralen Mittelmeer und Tiefs über dem zentralen Nordatlantik bis Skandinavien, etabliert sich dazwischen eine von den Azoren oder den Kanaren nach Nordeuropa gerichtete Südwestströmung. Die Luftmassen sind somit in der Regel subtropischen Ursprungs und mehr oder weniger feucht, je nachdem ob der Weg lange über den Atlantik führt oder auf direkterem Weg über die Iberische Halbinsel. Südwestlagen sorgen oft für nahezu stationäre, schleifende Fronten irgendwo in Mitteleuropa und können im betroffenen Gebiet über mehrere Tage für sehr hohe Niederschlagsmengen sorgen (sog. atmospheric river).
Zuordnung
Grosswetterlagen (GWL): Südwest antizyklonal SWA, Südwest zyklonal SWZ
Zirkulationsform (ZF): gemischt
Klimaregime: meist NAO+ (positive nordatlantische Oszillation), gelegentlich – vor allem im Sommer – auch NAO-
Statistik
häufigstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: Oktober 17.16 %
häufigstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: Mai 13.16 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: Februar 5.38 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: Juni 5.87 %
Häufigkeit Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025: 10.31 %, Veränderung gegenüber 1976-2000: +2.34 Prozentpunkte
längste ununterbrochene GWT-Phase Südwest seit 1976: 17 Tage vom 8. bis 24. Mai 1986
Der GWT Nordwest hat sein statistisch häufigstes Auftreten im Spätherbst und neuerdings auch im August. Deutliche Rückgänge in den letzten 25 Jahren wurden nur in den Monaten Februar bis Mai und somit im gesamten Frühling verzeichnet. In allen anderen Monaten ist Südwest auf dem Vormarsch, am stärksten im August. Die Zunahme im Sommer und Herbst lässt sich mit steigendem Geopotenzial über dem Mittelmeer und der eurasischen Kontinentalmasse erklären: Statt wie früher meist zonal (GWT West) verläuft die Frontalzone häufiger geneigt, weil sie im Osten nach Norden gedrückt wird. Kurios ist, dass sich der September zwischen den zwei stärksten Monaten August und Oktober dem Trend entzieht und hauptsächlich die GWT Nord und Ost fördert – nach einer Erklärung dafür wird noch gesucht.
Der starke Anstieg seit den 70er Jahren ist eindrücklich, weil einmalig unter den acht Grosswettertypen. Allerdings wurde er seit 2018 eingebremst und nun stellt sich die Frage, ob dies eine kurzfristige Laune oder eine erneute Trendwende darstellt. Der aktuelle Erwartungswert liegt mit ungefähr 40 Tagen pro Jahr fast doppelt so hoch wie noch vor 50 Jahren.
Die tagesgenaue Auflösung deckt auf, dass sich die Häufung im Herbst auf den Bereich zwischen dem 20. Oktober und Anfang November konzentriert: In etwa einem Drittel aller Jahre tritt in diesem Zeitraum eine Südwestlage auf, was umso erstaunlicher ist, weil vor 2001 Südwestlagen zu dieser Zeit eine Rarität waren. Der ehemalige sekundäre Peak im Mai hat sich um einen Monat in den Juni verschoben und zwei neue tauchen jetzt um den 6. und 20. August auf. Interessant ist die schon immer dagewesene Häufung kurz vor Weihnachten: Zusammen mit milden Westlagen ist Südwest hauptverantwortlich für das berühmte Weihnachtstauwetter.
Typische Beispiele
Vergleich des Bodendrucks der beiden Südwestlagen im Winter (linke Spalte) und im Sommer (rechts). Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht:
Diese Darstellung dient einerseits dem Vergleich der beiden Südwestlagen, andererseits zeigt er den Unterschied zwischen derselben Wetterlage im Winter und im Sommer auf. Im Winter sind die Druckunterschiede zwischen Hoch und Tief ausgeprägter, was auch stärkeren Südwestwind und Föhnstürme in den Alpen zur Folge hat. Typisch ist im Sommer der Hochdruck bei Island und Grönland und der damit verbundene Wechsel der nordatlantischen Oszillation von positiv auf negativ.
Temperaturverteilung im 850hPa-Niveau (ca. 1500 m) derselben Wetterlagen wie oben (Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht):
Typisch für den GWT Südwest ist eine ungefähr 45° zu den Breitengraden geneigte Frontalzone mit warmen bis heissen Luftmassen über Südwest- und Mitteleuropa und kalten bzw. kühlen Luftmassen über dem Nordatlantik. Letztere sind verantwortlich für die Zyklogenese mit für Europa resultierender Vorderseite. Diese Warmluftzufuhr stützt die Stabilisierung und hohen Luftdruck über Osteuropa, was häufig eine Zonalisierung und somit eine Westlage verzögert oder gar gänzlich verhindert. Eine Zunahme von Südwestlagen muss somit immer immer mit einer Abnahme von Westlagen einhergehen.
Grundlagen:
Katalog der Großwetterlagen Europas (1881-2009) nach Paul Hess und Helmut Brezowsky
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 1976-2000
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