Grosswetterlagen (GWL) werden in Grosswettertypen (GWT) zusammengefasst, und jene in Zirkulationsformen (ZF). Damit lassen sich langfristige Veränderungen oder auch mittelfristige Schwankungen im Klima erfassen. Die Schwächung des Grosswettertyps West stärkt die beiden benachbarten GWT Südwest und Nordwest, letzterer hat einen mittleren Anteil von ungefähr 10 % im Jahresschnitt. Ein Porträt.

Der GWT Nordwest führt in den meisten Fällen Polarluft aus Grönland und Island nach Mitteleuropa. Je südlicher, umso häufiger handelt es sich dabei auch gemässigte oder gar subtropische Luftmassen, die um das Hoch im Westen herumgeführt werden, insbesondere bei der antizyklonalen Variante.
Beschreibung
Mässig mäandrierende Frontalzonen mit einer Neigung von ungefähr 45 % zu den Breitengraden werden der gemischten Zirkulation zugeordnet. Liegen Hochs im Westen Europas oder dem nahen Atlantik und Tiefs über Skandinavien, etabliert sich dazwischen eine von Grönland und Island nach Mittel- und Osteuropa gerichtete Nordwestströmung. Die Luftmassen sind somit in der Regel polaren Ursprungs, werden jedoch auf dem langen Weg über den Nordatlantik modifiziert, d.h. die untersten Luftschichten werden erwärmt. Da sich im Jahresverlauf die Wassertemperaturen verzögert zu den Lufttemperaturen entwickeln, ist bei Nordwestlagen die Labilität zum Ende des Winters und im Frühling sehr hoch, im Spätsommer und Herbst hingegen gering. Entsprechend völlig unterschiedlich wirken sich dieselben Wetterlagen zu den unterschiedlichen Jahreszeiten auf unsere Witterung aus.
Zuordnung
Grosswetterlagen (GWL): Nordwest antizyklonal NWA, Nordwest zyklonal NWZ
Zirkulationsform (ZF): gemischt
Klimaregime: meist ATR (atlantischer Rücken), seltener NAO+ (positive nordatlantische Oszillation)
Statistik
häufigstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: Januar 15.35 %
häufigstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: März 13.29 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: Mai und August je 7.35 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: Mai 4.77 %
Häufigkeit Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025: 10.20 %, Veränderung gegenüber 1976-2000: +0.57 Prozentpunkte
längste ununterbrochene GWT-Phase Nordwest seit 1976: 21 Tage vom 13. Januar bis 2. Februar 2022
Der GWT Nordwest hat sein statistisch häufigstes Auftreten von November bis Januar und zwei sekundäre Maxima im April und Juli. Deutliche Rückgänge in den letzten 25 Jahren wurden nur in den Monaten August und September sowie am deutlichsten im März verzeichnet. In allen anderen Monaten ist Nordwest auf dem Vormarsch, am stärksten im Januar. Die Zunahme im Winter lässt sich mit dem schärferen Temperaturgradienten zwischen dem stetig wärmer werdenden Nordatlantik und der immer noch kalten, weil schneebedekten kalten Landmasse Skandinaviens erklären. Während der wärmere Atlantik stabilisierend und hochdruckfördernd wirkt, löst das verschärfte Temperaturgefälle zu Skandinavien dort häufigere Zyklogenese aus.
Auffällig sind die Wellentäler und -berge mit einer Periodizität von ungefähr 15-18 Jahren, derzeit zeigt der Trend nach der starken Phase 2016-2022 wieder nach unten. Der Langzeittrend über die gesamten 50 Jahre hinweg ist leicht steigend, der aktuelle Erwartungswert liegt zwischen 35 und 40 Tagen pro Jahr.
Was bei den Monatswerten wie eine recht gleichmässige Verteilung aussieht, entpuppt sich bei der tagesgenauen Auflösung als ziemliches Auf und Ab. Die Spitzen im Winter verteilen sich seit dem Milleniumswechsel auf drei Bereiche Mitte Dezember, zum Jahreswechsel und um den 20. Januar mit kuriosen Lücken dazwischen. Auch im Herbst konzentrieren sich die Nordwestlagen auf zwei kurze Zeitspannen, im Frühling fällt das erste Aprildrittel auf. Doch auch vor 2000 gab es diese Ballungen bereits. Ob es sich hierbei um Zufall oder System handelt, zeigt vielleicht die nächste Auswertung, die dann 2×30 Jahre umfassen wird.
Typische Beispiele
Vergleich des Bodendrucks der beiden Nordwestlagen im Winter (linke Spalte) und im Sommer (rechts). Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht:
Diese Darstellung dient einerseits dem Vergleich der beiden Nordwestlagen, andererseits zeigt er den Unterschied zwischen derselben Wetterlage im Winter und im Sommer auf. Im Winter sind die Druckunterschiede zwischen Hoch und Tief ausgeprägter, was auch stärkeren Nordwestwind (typische Winterstürme und Sturmfluten an der Nordsee) zur Folge hat. Damit ziehen auch die Fronten schneller, Witterungsphasen wechseln sich häufiger ab. Typisch ist im Winter bei der zyklonalen Variante auch die Ausbildung von kräftigen Mittelmeertiefs im Lee der Alpen, im Sommer sind solche selten oder höchstens schwach ausgebildet.
Temperaturverteilung im 850hPa-Niveau (ca. 1500 m) derselben Wetterlagen wie oben (Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht):
Typisch für den GWT Nordwest ist eine ungefähr 45° zu den Breitengraden geneigte Frontalzone mit warmen Luftmassen über Westeuropa und dem nahen Atlantik und kalten Luftmassen über Mittel- bis Osteuropa sowie im Winter über Skandinavien. Im Sommer heizt sich der Kontinent auf, somit gelangen auf der Vorderseite des Tiefs sehr warme Luftmassen bis nach Finnland und Nordwestrussland. Der scharfe Temperaturgradient zwischen der warmen skandinavischen Landmasse und dem kalten Nordmeer begünstigt die dortige Tiefdruckentwicklung, im Winter ist die Luftmassenverteilung genau umgekehrt mit demselben Effekt auf die Zyklogenese.
Grundlagen:
Katalog der Großwetterlagen Europas (1881-2009) nach Paul Hess und Helmut Brezowsky
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 1976-2000
Das Projekt „Grosswetterlagen“ wurde ermöglicht durch grosszügige Spenden von Privatpersonen während der Einnahmen-Ausfälle durch das übliche Wetterberatungs-Geschäft für kulturelle und sportliche Anlässe als Folge der Corona-Pandemie. Diese Zuwendungen ermöglichten die zeitaufwändige Datenerfassung und das Verfassen der Grafiken und Texte – eine sinnvolle Beschäftigung während der unfreiwillig zur Verfügung stehenden Freizeit. Falls auch Sie dieses Projekt unterstützen möchten, können Sie dies mit einem frei wählbaren Betrag durch die unten stehenden Möglichkeiten tun. Vielen Dank!
Falls Sie kein PayPal-Konto besitzen, können Sie direkt auf eines der angegebenen Konten unter den Kontaktdaten einzahlen.