Grosswetterlagen (GWL) werden in Grosswettertypen (GWT) zusammengefasst, und jene in Zirkulationsformen (ZF). Damit lassen sich langfristige Veränderungen oder auch mittelfristige Schwankungen im Klima erfassen. Der Grosswettertyp Nord weist mit einem Anteil im Jahresschnitt von heute 14 % einen leicht steigenden Langzeittrend auf. Ohne diesen wäre die Erwärmung in Europa noch stärker als ohnehin schon. Ein Porträt.

In den meisten Fällen wird bei einer Nordlage Kaltluft polarer oder sogar arktischer Herkunft nach Mitteleuropa geführt. Entscheidend für ihre Eigenschaft bei uns ist, ob der Weg direkt über die skandinavische Landmasse genommen oder ob sie (im Winter) auf langem Weg übers Wasser erwärmt wurde. Hier das Beispiel einer klassischen zyklonalen Nordlage mit Rekordschneefällen Ende Oktober in manchen Regionen der Alpennordseite.
Beschreibung
Stark mäandrierende Frontalzonen mit einem nahezu 90°-Winkel zu den Breitengraden oder eben entlang der Längengrade (Meridiane) werden der meridionalen Zirkulationsform zugeordnet. Dabei findet ein reger Austausch von Luftmassen zwischen der Polarregion und den Subtropen über die gemässigte Klimazone hinweg statt und ist ein typisches Phänomen der Übergangsjahreszeiten Frühling und Herbst. Bei der Nordlage liegt tiefer Luftdruck im Osten, hoher Luftdruck im Westen von Mitteleuropa. Der Luftmassen-Ausgleich von Süd nach Nord findet dabei in der Regel vom östlichen Mittelmeer und der Schwarzmeerregion über Westrussland hinweg statt.
Zuordnung
Grosswetterlagen (GWL): Nord antizyklonal NA, Nord zyklonal NZ, Hoch Island-Nordmeer antizyklonal HNA, Hoch Island-Nordmeer zyklonal HNZ, Hoch Britische Inseln HB, Trog Mitteleuropa TRM
Zirkulationsform (ZF): meridional
Klimaregime: meist ATR (atlantischer Rücken); bei Islandhoch NAO- (negative nordatlantische Oszillation), selten NAO+ bei Trog Mitteleuropa
Statistik
häufigstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: April 20.67 %
häufigstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: April 19.20 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: Juli 7.48 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: Februar 6.79 %
Häufigkeit Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025: 14.00 %, Veränderung gegenüber 1976-2000: +1.70 Prozentpunkte
längste ununterbrochene GWT-Phase Nord seit 1976: 15 Tage vom 25. März bis 8. April 2012
Klassisch war der GWT Nord vor allem auf April bis Juni und mit einem sekundären Maximum im November konzentriert. Seit dem Milleniumswechsel haben aber die Wintermonate und insbesondere der vormals schwächste Monat Februar stark zugelegt. Dies geht zu einem grossen Teil auf Kosten des GWT Ost, was mutmasslich mit der markanten Erwärmung des Nordatlantiks zusammenhängt und dort stabilere Hochs fördert, während das markante Temperaturgefälle zur kalten Landmasse Skandinaviens dort Tiefs hervorbringt. In den Sommermonaten hingegen nehmen Nordlagen jüngst deutlich ab.
Der GWT Nord weist nach einer anfänglich stabilen Phase von 1995 bis 2015 eine deutliche Zunahme von 40 auf 60 Tage pro Jahr auf, danach gab es einen mittelfristigen Einbruch. Ob sich dieser Trend fortsetzt oder ob das starke Jahr 2025 eine erneute Wende darstellt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.
Die starke Zunahme von Mitte Januar bis in den Mai ist besonders auffällig, wobei sie sich im April recht gleichmässig verteilt, während sich in den anderen Monaten deutliche Spitzen mit schwächeren Phasen dazwischen ausbilden. Ebenso bemerkenswert ist die auf wenige Tage Mitte Oktober konzentrierte Zunahme, während der Trend im Gesamtmonat sinkend ist. Am ehesten unbehelligt von Nordlagen bleibt man Anfang Juli und im klassischen Altweibersommer Ende September bis Anfang Oktober. Die in den letzten Jahren auffällige Häufung erster durch Nordlagen verursachte Schneefälle Ende November ist hingegen nichts Neues. Diese seit Jahrzehnten zuverlässige Singularität sorgt dafür, dass sich die letzten November- und die ersten Dezembertage dem sonst deutlichen Trend zur Erwärmung nach wie vor erfolgreich widersetzen.
Typische Beispiele
Vergleich des Bodendrucks der drei antizyklonalen Nordlagen im Winter (linke Spalte) und im Sommer (rechts). Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht:
Diese Darstellung dient einerseits dem Vergleich der vier verschiedenen antizyklonalen Nordlagen, andererseits zeigt er den Unterschied zwischen derselben Wetterlage im Winter und im Sommer auf. Im Winterhalbjahr sind die Druckunterschiede zwischen Hoch und Tief ausgeprägter, was auch stärkeren Nordwind zur Folge hat. In der Praxis ist die Abgrenzung dieser drei Wetterlagen oft schwierig, weil nur von Details abhängig. Die Unterschiede bei der Wirkung auf unser Wetter sind marginal.
Temperaturverteilung im 850hPa-Niveau (ca. 1500 m) derselben Wetterlagen wie oben (Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht):
Entscheidend für Kälte in Mitteleuropa ist die Herkunft der Luftmasse einerseits (Arktis oder ums atlantische Hoch herumgeführte subpolare Luft) und der Weg über die Landmasse Skandinaviens oder länger übers Wasser, was vor allem im Winter grosse Unterschiede hervorbringt. Als Folge davon sind Nordlagen im östlichen Mitteleuropa in der Regel deutlich kälter als weiter westlich, wo häufiger in tiefen Schichten modifizierte (vom Wasser erwärmte) Luft eintrifft. Im Sommer hingegen wird eine polare Luftmasse bei Hochdruckeinfluss durch die starke Sonneneinstrahlung bodennah über Land sehr rasch erwärmt.
Vergleich des Bodendrucks der drei zyklonalen Nordlagen im Winterhalbjahr (linke Spalte) und im Sommerhalbjahr (rechts). Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht:
Diese Darstellung dient einerseits dem Vergleich der vier verschiedenen zyklonalen Nordlagen, andererseits zeigt er den Unterschied zwischen derselben Wetterlage im Winter und im Sommer auf. Auch hier sind die Druckunterschiede zwischen Hoch und Tief im Winterhalbjahr ausgeprägter, was stärkeren Nordwind zur Folge hat. Typisch für zyklonale Lagen des GWT Nord sind Ausbildungen von Leetiefs südlich der Alpen. Sie ziehen in der Folge oft als Vb-Tiefs dem Alpenostrand entlang ins östliche Mitteleuropa, was mit Einbezug mediterraner Luftmassen in den unteren Schichten zu teils extremen Niederschlägen führt.
Temperaturverteilung im 850hPa-Niveau (ca. 1500 m) derselben Wetterlagen wie oben (Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht):
Im Gegensatz zu hochdruckbestimmten Lagen des GWT Nord zeigt sich hier, dass sich auch im Sommer die polaren Luftmassen über dem Kontinent kaum erwärmen – im Gegenteil sorgt häufig Niederschlagsabkühlung für eine längere kalte Phase und winterliche Verhältnisse bis in Mittelgebirgslagen.
Grundlagen:
Katalog der Großwetterlagen Europas (1881-2009) nach Paul Hess und Helmut Brezowsky
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 1976-2000
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