Starke Tiefdrucktätigkeit mit strammer Westdrift auf dem Nordtatlantik und trotzdem eine Blockadesituation, sodass das östliche Mitteleuropa unter einer Südströmung verharrt: Die winkelförmige Westlage ist ein Spezialfall und klassisch im Winter anzutreffen. Neuerdings tritt sie aber auch gerne im Hochsommer auf. Ein Porträt.

Pattsituation zwischen starkem Atlantik und starkem Kontinent: Die winkelförmige Westlage ist ein typisches Winterphänomen (Orientierungshilfe: roter Punkt = Basel)
Beschreibung
Ausgeprägte, meist zwischen 50° und 60° N verlaufende atlantische Frontalzone, die über Mitteleuropa an der Westflanke eines blockierenden russischen Hochs scharf nach Norden umbiegt. Die atlantischen Störungen überqueren das westliche Europa und werden spätestens über Polen stationär. Das östliche Mitteleuropa liegt dabei im Einflussbereich des kontinentalen Hochs.
Zuordnung
Grosswettertyp (GWT): West
Zirkulationsform (ZF): zonal
Klimaregime: NAO+ (positive nordatlantische Oszillation), zu Beginn und am Ende von WW manchmal auch Block, bei Pattsituation möglicherweise auch „no regime“
Verwandte GWL: in antizyklonaler Richtung Hoch Fennoskandien antizyklonal HFA und Südost antizyklonal SEA; in zyklonaler Richtung Südost zyklonal SEZ
Statistik
häufigstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: Juli 5.94 %
häufigstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: März 6.45 %, November 6.27 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: Oktober 0.90 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: August 2.19 %
Häufigkeit Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025: 3.60 %, Veränderung gegenüber 1976-2000: -0.46 Prozentpunkte
Rang Häufigkeit aller GWL: 1976-2000 Rang 9, 2001-2025 Rang 11 (Rangverschiebung: -2)
längste ununterbrochene GWL WW: 10 Tage vom 1. bis 10. Juli 1990
häufigste Nachfolge-GWL 1881-1997 (nach DWD): 1.: West zyklonal WZ 17.1 % / 2.: Hochdruckbrücke Mitteleuropa BM 11.7 % / 3.: Hoch Mitteleuropa HM: 8.5 %
seltenste Nachfolge-GWL 1881-1997 (nach DWD): Nord antizyklonal NA, Hoch Britische Inseln HB, Hoch Nordmeer zyklonal HNZ und Südost antizyklonal SEA je 0.0 %
Die Entwicklung in den einzelnen Monaten erscheint recht chaotisch. Starke Zunahmen weisen der Juli und August sowie der Januar auf, starke Abnahmen der Juni, Oktober und November. Der Rückgang im Herbst lässt sich durch das spätere Zufrieren der Arktis erklären, was die Temperaturgegensätze zwischen polaren und gemässigten Breiten und somit auch die Zyklogenese im Nordatlantik abnehmen lässt. Im Winter bis in den März ist diese dann wieder intakt und trifft häufig auf ein blockierendes Kontinentalhoch. Ein solches ist auch immer häufiger im Hochsommer anzutreffen, wenn die atlantische Tiefdruckproduktion ihr sekundäres Maximum erreicht, aber durch den neuen Block im Osten ausgebremst wird. Mutmasslich hängt dies mit einer Nordverschiebung des subtropischen Hochdruckgürtels von Osteuropa bis Zentralasien zusammen, erkennbar an steigendem Geopotenzial.
Keine andere Grosswetterlage wurde in der Vergangenheit so inkonsistent durch den DWD klassifiziert wie Winkelwest (viele WW-Lagen wurden einfach als WZ durchgewunken), deshalb wurde hier fälschlicherweise in früher gezeigten Entwicklungen von einer starken Zunahme seit der Jahrtausendwende ausgegangen. Mit konsistenter Bestimmungspraxis ist seit 1976 eine leichte Abnahme zu verzeichnen, die unterhalb der Signifikanz liegt. Die Schwankungsbreite zwischen null und 34 Tagen pro Jahr ist recht hoch, ein klarer Trend nicht ersichtlich.
Die starke Zunahme im Sommer konzentriert sich auf Ende Juli und um den 25. August herum. Augenfällig ist auch die Verspätung im Herbst: Früher lag der Peak um den 10. November, jetzt um den 5. Dezember und etwas besser verteilt im Januar. Am geringsten ist die Wahrscheinlichkeit für eine winkelförmige Westlage inzwischen von Anfang Oktober bis ins erste Novemberdrittel.
Witterung
Regional und jahreszeitlich stark unterschiedliche Auswirkungen. Im Westen tendenziell nass-kühl, nach Osten hin trockener und im Sommer wärmer (Frontenfriedhof Mitteleuropa) mit Föhnphasen vor allem in den östlichen Alpen.
Frühling: Tagesmaximum der Lufttemperatur unternormal, Tagesminimum normal bis übernormal; Niederschlag übernormal (ausser südöstlichem Mitteleuropa).
Sommer: Tagesminimum der Lufttemperatur leicht übernormal, Tagesmittel und -maximum im westlichen Europa unternormal; Niederschlag übernormal.
Herbst und Winter: Wärmer als normal; Niederschlag übernormal.
Typische Beispiele
Winter (Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht):
Zwischen einem starken Azorenhoch und reger Tiefdrucktätigkeit über dem Nordatlantik herrscht eine stürmische Weströmung bis nach Frankreich hinein. Ein blockierendes Hoch über Westrussland durch sämtliche Höhen zwingt den Jetstream, sich über Mitteleuropa aufzusplitten: Ein Teil biegt scharf nach Norden um, ein Teil zieht Richtung östliches Mittelmeer, wo abgetropfte Tiefs das blockierende Hoch südlich umlaufen. Die atlantischen Fronten kommen über Mitteleuropa nicht mehr voran und lösen sich an Ort und Stelle auf (Frontenfriedhof). Das führt zu trübem Wetter mit schwachen Niederschlägen, teils als Regen, teils als Schnee bis in tiefe Lagen, mit föhnigen Phasen am Alpennordrand.
Sommer:
Der Jetstream ist sommerlich schwach und die Druckdifferenzen sind weit weniger stark ausgeprägt als im Winter, dennoch herrscht eine zügige Westströmung vom Nordatlantik bis zu den Alpen. Das blockierende Hoch mit Zentrum über der Ukraine ist am Boden mit nur wenig über 1015 hPa schwach ausgeprägt, über Osteuropa herrscht eine Hitzewelle. Verantwortlich ist das hohe Geopotenzial des sich bis zur Küste der Barentssee aufgewölbten Subtropenhochs, ein in den letzten Jahren im Sommer zunehmend häufiger zu beobachtendes Phänomen.
Markante Wettererscheinungen, Unwetterpotenzial
Je nach Stärke der Tiefs über Westeuropa können in den Alpen im Winterhalbjahr bei Winkelwestlagen Föhnstürme auftreten. Das Aufgleiten milder Atlantikluft über kalte Kontinentalluft birgt Potenzial für gefrierenden Regen. Im Sommer sind die Bedingungen für die Entstehung von Schwergewittern bei WW ähnlich wie bei einer zyklonalen Südwestlage: Energiereiche Luftmasse auf der Vorderseite, starke Windscherung durch Höhenwind (hier eher aus West) und zusätzliche Hebung mit der Kaltfront. Entsprechend birgt die winkelförmige Westlage das Potenzial für Grosshagel, wie das Beispiel vom 28.07.2020 in der Nordostschweiz zeigt.
Auswirkungen auf den Vogelzug
Die im Frühling und Herbst nur selten auftretende Winkelwestlage eignet sich schlecht für die Erforschung des Vogelzugs. Beim Herbstzug wurde während den wenigen Fällen unterdurchschnittlicher Zug festgestellt. Im Frühling dürfte die Vorderseite von WW bei Föhn für die Querung der Ostalpen genutzt werden.
Grundlagen:
Katalog der Großwetterlagen Europas (1881-2009) nach Paul Hess und Helmut Brezowsky
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 1976-2000
Wulf Gatter: Vogelzug und Vogelbestände in Mitteleuropa, erschienen im Aula-Verlag, 2000
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