Die Grosswetterlage „West, in Mitteleuropa überwiegend antizyklonal“ ist eine klassische Erscheinung des Sommers und Frühherbstes, quasi der Charakterkopf des typisch mitteleuropäischen Sommers. Nach einer markanten Schwäche in den Jahren nach dem Milleniumswechsel ist sie seit 2011 wieder im Aufwind. Ein Porträt.

Höhepunkt der vom 3. bis 12. September 2020 dauernden GWL WA: eine typische Spätsommer-Lage mit noch mal gegen 30 Grad in den Tieflagen (roter Punkt = Basel)
Beschreibung
In der nordwärts bis etwa 60° N vorgeschobenen atlantischen Frontalzone wandern Randtiefs vom Seegebiet westlich Schottlands über den Norden der britischen Inseln und Südskandinavien hinweg in Richtung Baltikum. Ihre Frontausläufer greifen nur zeitweise und oft abgeschwächt auf Mitteleuropa über. Das zentrale Boden- und Höhentief liegt meist nördlich von 65° N. Die mit ihrem Kern nördlich der Inselgruppe liegende Azorenhochzelle reicht mit einem Keil bis weit ins südliche Mitteleuropa hinein.
Zuordnung
Grosswettertyp (GWT): West
Zirkulationsform (ZF): zonal
Klimaregime: NAO+ (positive nordatlantische Oszillation)
Verwandte GWL: in zyklonaler Richtung: West zyklonal WZ; in antizyklonaler Richtung: Hochdruckbrücke Mitteleuropa BM
Statistik
häufigstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: Juni 8.93 %
häufigstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: August 10.45 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: April 1.60 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: Mai 0.00 %
Häufigkeit Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025: 5.37 %, Veränderung gegenüber 1976-2000: +0.33 Prozentpunkte
Rang Häufigkeit aller GWL: 1976 Rang 5, 2001-2025 Rang 6 (Rangverschiebung: -1, die beiden Troglagen haben noch deutlich stärker zugelegt und WA überholt)
längste ununterbrochene GWL WA: 15 Tage vom 9. bis 23. Januar 1989
häufigste Nachfolge-GWL 1881-1997 (nach DWD): 1.: West zyklonal WZ 22.9 % / 2.: Hoch Mitteleuropa HM 15.1 % / 3.: Nordwest antizyklonal NWA 7.8 %
seltenste Nachfolge-GWL 1881-1997 (nach DWD): Hoch Fennoskandien zyklonal HFZ (= Ostlage) und Süd zyklonal SZ je 0.0 %
West antizyklonal ist die klassische Sommer- und Frühherbstwetterlage. Ihr geringstes Auftreten hat sie im Frühling und im November, wenn die nordhemisphärische Zirkulation generell meridionaler aufgestellt ist. Monatliche Zu- und Abnahmen halten sich ungefähr die Waage. Auffällig ist die Zunahme von April bis Juli sowie im Frühherbst, während Januar, März, August und November einen Rückgang verzeichnen.
Nach einer markanten Abnahme von West antizyklonal im ersten Jahrzehnt der 2000er scheint sich jüngst wieder ein Trend zur Erholung abzuzeichnen. Jahre mit weniger als zehn Tagen WA sind die Ausnahme, solche mit mehr als 30 Tagen ebenfalls. Es gibt eine recht auffällige negative Korrelation mit der verwandten Hochdruckbrücke Mitteleuropa: Eine starke zonale Zirkulation bringt Westlagen hervor. Schwächeln die Westlagen, nehmen Troglagen zu und nach deren Abtropfvorgängen die Brücke Mitteleuropa. So verwundert es nicht, dass die letzten vier Jahre wieder starke WA-Präsenz aufweisen und gleichzeitig die Troglagen schwächer waren. Um daraus einen nachhaltigen Trend abzuleiten, ist es noch zu früh.
Seit dem Milleniumswechsel verteilt sich die antizyklonale Westlage etwas regelmässiger aufs Jahr, da sie nun auch langsam den Frühling erobert. Auffällig sind auch die Zunahmen Ende Juni und Mitte Dezember. Der ehemalige Peak um den 12. August wurde abgehobelt, jener um den 7. Februar um zwei Wochen verschoben.
Witterung
Sowohl bei Temperatur wie bei Sonnenschein und Niederschlag klassisches Süd-Nord-Gefälle.
Frühling, Herbst und Winter: wärmer als normal. Niederschlag unternormal.
Sommer: Tagesmaximum und -mittel wärmer als normal, Tagesminimum nur geringe Abweichung vom Mittel. Niederschlag unternormal.
Typische Beispiele
Winter (Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht):
Weihnachtstauwetter mal anders: Der winterlich starke Jetstream hat eine für die Jahreszeit aussergewöhnlich nördliche Position eingenommen, über Südosteuropa ist der Rest einer vorangegangenen Austrogung vorhanden. Würde das Trogresiduum im Mittelmeerraum überleben, würde statt WA eine Hochdruckbrücke Mitteleuropa BM klassifiziert, was die nahe Verwandtschaft dieser beiden GWL verdeutlicht. Das Grundsetting ist aber klar eine zonale Zirkulation mit starker Druckdifferenz von bis zu 65 hPa zwischen Nord- und Mitteleuropa. Entsprechend herrscht an der Nord- und Ostsee wie in Südskandinavien stürmisches und sehr mildes Wetter. Unter dem Hochdruck in West- und Mitteleuropa bilden sich Inversionen mit bodennaher nebliger Kälte und sonniger Milde in höheren Lagen.
Sommer:
Typisch sommerliche Westlage mit nördlichem, aber gut ausgeprägtem Jetstream. Frischer Westwind reicht bis ins nördliche Mitteleuropa und bringt dort auch etwas Regen, die Temperaturen kommen kaum über 20 Grad hinaus. Das südliche Mitteleuropa wird zum Frontenfriedhof, bzw. die Luftmassengrenze dort ist nur wenig aktiv. Es kommt vor allem über dem Bergland zu lokalen Schauern und Gewittern, in den Niederungen werden Temperaturen von 30-33 Grad erreicht. Fast der ganze Sommer 2017 ist von diesem starken Süd-Nord-Gefälle durch häufige Westlagen geprägt.
Markante Wettererscheinungen, Unwetterpotenzial
Im südlichen Mitteleuropa können antizyklonale Westlagen im Hochsommer Hitzewellen verursachen, sie sind aber im Vergleich zu Südwest- bis Südlagen moderat. Abgeschwächte Fronten können vorübergehende Gewittertätigkeit vor allem über den Bergen auslösen. An der Nord- und Ostsee ist es bei West antizyklonal windig, im Winter mitunter auch stürmisch. Im Winter besteht aufgrund der schwachen Durchmischung die Gefahr von gefrierendem Regen, wenn schwache Fronten mit höhenwarmer Luft über die in den langen Nächten stark ausgekühlte Luftmasse am Boden ziehen.
Auswirkungen auf den Vogelzug
Die günstigen Bedingungen im Hochdruckgebiet einer antizyklonalen Westlage werden im Spätsommer und Frühherbst sowohl von Lang- wie Kurzstreckenziehern sehr stark genutzt. Bei Baumpieper, Brachpieper, Schafstelze und Mehlschwalbe ist dies die am zweithäufigsten genutzte GWL. Ab Oktober nimmt die Nutzung von WA ab, wahrscheinlich aufgrund der zunehmenden Nebelhäufigkeit durch Inversionen. Wegen des seltenen Auftretens von WA im Frühling kann über die Nutzung beim Heimzug keine klare Aussage getroffen werden, vermutlich werden die günstigen Bedingungen aber auch hier nicht verschmäht.
Grundlagen:
Katalog der Großwetterlagen Europas (1881-2009) nach Paul Hess und Helmut Brezowsky
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 1976-2000
Wulf Gatter: Vogelzug und Vogelbestände in Mitteleuropa, erschienen im Aula-Verlag, 2000
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