Die Verbindung zwischen Azorenhoch und Kontinentalhoch über Russland gehört zu den Standard-Wetterlagen, sie ist stabil über 50 Jahre hinweg die zweithäufigste. Unter den Hochdrucklagen eingeordnet, ist ihr Einfluss jedoch nicht so eindeutig, denn die Brücke ist mitunter sehr fragil. Je nach Jahreszeit und exakter Position kommt ein regional ganz unterschiedlicher Wettercharakter zustande. Ein Porträt.

Stabile Hochdruckbrücken, die im März für lang anhaltend trockene und warme Phasen sorgen, sind eine relativ junge Erscheinung (Orientierungshilfe: roter Punkt = Basel)
Beschreibung
Zwischen einem nördlich bis nordöstlich der Azoren liegenden Subtropenhoch und einem osteuropäischen Hoch besteht über Mitteleuropa hinweg eine brückenförmige Verbindung. In manchen Fällen erstreckt sich eine lange West-Ost ausgerichtete Hochdruckzone im selben Raum. Nördlich der Hochdruckbrücke verläuft eine von West nach Ost gerichtete Frontalzone, in der Tiefdruckgebiete ostwärts wandern und mit ihren Kaltfronten zeitweise die Brücke durchbrechen. Über dem Mittelmeer herrscht vom Boden bis in die Höhe tiefer Luftdruck, meist als Folge abgetropfter Tiefs vorangegangener Troglagen. Bisweilen liegt die Achse der Brücke nördlich von 50° N, sodass über ganz Mitteleuropa eine nordöstliche bis östliche Strömung zu beobachten ist.
Zuordnung
Grosswettertyp (GWT): Hoch (Mitteleuropa)
Zirkulationsform (ZF): gemischt
Klimaregime: NAO+ (positive nordatlantische Oszillation) bei südlicher, Block bei nördlicher Position der Brücke. Manchmal zu Beginn einer BM-Lage ATR (atlantischer Rücken), wenn Vorgänger-GWL Trog Mitteleuropa war
Verwandte GWL: in zyklonaler Richtung West antizyklonal WA, in antizyklonaler Richtung Hoch Mitteleuropa HM
Statistik
häufigstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: November 13.47 %, März 13.29 %
häufigstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: Januar 11.87 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: Dezember 6.97 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: Mai 7.35 %
Häufigkeit Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025: 10.02 %, Veränderung gegenüber 1976-2000: +0.85 Prozentpunkte
Rang Häufigkeit aller GWL: 1976-2000 Rang 2, 2001-2025 Rang 2 (Rangverschiebung: 0)
längste ununterbrochene GWL BM: 12 Tage vom 22. Juli bis 2. August 2001
häufigste Nachfolge-GWL 1881-1997 (nach DWD): 1.: West zyklonal WZ 20.7 % / 2.: Hoch Mitteleuropa HM 9.4 % / 3.: Nordwest antizyklonal NWA 8.7 %
seltenste Nachfolge-GWL im Zeitraum 1881-1997: Nord antizyklonal NA, Hoch Nordmeer-Island zyklonal HNZ (GWT Nord), HNFZ (GWT Ost), Süd zyklonal SZ je 0.3 %
Die Hochdruckbrücke Mitteleuropa hat ihr statistisch häufigstes Auftreten im Frühling und Herbst. Das war aber nicht immer so: Im Herbst war sie schon immer häufig, hingegen hat sie im Frühling erst in den letzten 25 Jahren stark zugenommen. Einzige Monate mit einer deutlichen Abnahme sind Dezember und Januar, die deutlichste Zunahme erfolgte im März und November. Da es sich um eine recht häufige Wetterlage handelt, sind solche Verschiebungen anders als bei selten auftretenden GWL nicht zufällig, allerdings auch recht komplex zu entschlüsseln. Mitunter lässt sich die Zunahme von BM mit der gleichzeitig starken Zunahme von Trog West- und Mitteleuropa TRW/TRM und starken Abnahme von West zyklonal WZ erklären: Tropfen von den Trögen Tiefs ins Mittelmeer ab, bildet sich dahinter meist eine Hochdruckbrücke. Die Veränderungen dieser drei GWL hängen somit stark miteinander zusammen.
Die Schwankungen im Auftreten von Hochdruckbrücke Mitteleuropa sind extrem, die Werte liegen zwischen 10 Tagen im Jahr 2016 und 66 Tagen im Jahr 2005. In früheren Statistiken haben wir festgestellt, dass die Schwankungen ungefähr in einem 20-jährigen Zyklus auftreten, mit je einem Jahrzehnt dauernden Wellenberg und Wellental. Das extrem starke Auftreten in den späten 1980er-Jahren war allerdings ein Artefakt aus im Zeitverlauf unterschiedlicher Methodik bei der GWL-Bestimmung des DWD. Mit der eigenen, konsistenten Methodik nach FM sind diese dekadischen Schwankungen deutlich geringer. Die eigene Bestimmung ergab im Extremfall eine Reduktion im Jahr 1991 von 100 Tagen (DWD) auf 63 (FM).
Die zweithäufigste Wetterlage verteilt sich recht gleichmässig übers Jahr, einzig die Spitze Mitte November ragt deutlich heraus (Beitrag zum Martinisommer). Kurioserweise wurde aber kurz darauf, am 19. November, in den letzten 50 Jahren nie eine Hochdruckbrücke registriert. Eine weitere Lücke besteht am 12./13. Oktober. Der ehemalige Peak im April hat sich um zwei Wochen verschoben: Diese Häufung geschah ausschliesslich zur Zeit des End-April-Warmings 2002-2013, seither blieb BM diesem Zeitraum wieder fern.
Witterung
Allgemeine Charakteristik: Oft, aber nicht immer ganz stabiles Hochdruckwetter. Da die Brücke anfällig ist für Frontdurchbrüche aus Nordwesten, können innerhalb einer GWL BM auch nasse Tage auftreten. Besonders tückisch ist BM im Sommer, wenn die Stabilität nicht ausreicht, um Tagesgangwetter mit Schauern und Gewittern über den Bergen zu unterdrücken. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn im Alpenvorland Restfeuchte einer vorangegangenen Trog- oder Tiefdrucklage vorhanden ist und in der Höhe ein Trogresiduum (Höhenkaltluft) für Labilität sorgt. Im Winterhalbjahr bringen Hochdrucklagen Inversionen mit Nebel oder Hochnebel. Die Hartnäckigkeit und die Höhe des Hochnebels ist abhängig von der Lage der Hochdruckbrücke: Je nördlicher die Achse, umso stärker der (Nord-)Ostwind und umso höher der Hochnebel im Alpenvorland.
Frühling und Frühherbst: meist wärmer als normal, aber mit kühlen bis frostigen Nächten (starker Tagesgang der Temperatur). Niederschlag unternormal.
Sommer: meist wärmer als normal. Niederschlag meist unternormal, vor allem im Flachland. Im Bergland anfällig für Schauer und Gewitter mit lokal stark variierenden Niederschlagssummen.
Spätherbst und Winter: im Flachland kälter als normal, in der Höhe meist wärmer als normal (Inversionslage). Niederschlag unternormal.
Typische Beispiele
Frühsommer (Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht):
In den letzten Sommern immer häufiger anzutreffende Situation: Gezeigt wird hier der erste als BM klassifizierte Tag, vorangehende GWL war Trog Westeuropa TRW. Über dem Nordatlantik herrscht eine stramme Westlage, der Jetstream knickt aber über England scharf nach Süden weg und findet über Algerien Kontakt zum Subtropenjet, um über dem östlichen Mitteleuropa wieder nach Norden zurückzufinden. Als Folge findet über Frankreich ein Abschnürprozess statt, es bildet sich ein sogenanntes CutOff-Tief, das ins westliche Mittelmeer abtropft. Ohne diesen Abtropfprozess wäre durch die Ostverlagerung eine GWL Trog Mitteleuropa TRM draus geworden. In der Höhe ist das Trogresiduum noch zu erkennen, am Boden hat sich aber bereits eine Hochdruckbrücke gebildet. Die windschwächste Zone in allen Höhenlagen befindet sich genau über den Alpen, dort liegen aber auch die feuchten Reste einer alternden Kaltfront. Durch die starke Sonneneinstrahlung bildeten sich rasch Quellwolken und in der Folge Gewitter mit lokal teils extremen Regenmengen in kurzer Zeit, so etwa im Jura. Erst in den folgenden Tagen beruhigte sich das Wetter allmählich.
Spätherbst:
Auch hier steht man vor der oft gestellten Frage: Wann hört die Troglage auf und wann fängt die Hochdruckbrücke an? Allein aufgrund der Höhenkarte würde man auf Trog Mitteleuropa TRM tippen, dies war auch die GWL an den drei Tagen zuvor. Da bei der GWL-Klassifizierung der Bodendruck stärker gewichtet wird, sehen wir hier den ersten Tag der GWL BM. Das CutOff-Tief zieht in diesem Fall nach Südwesten und sorgt für heftige Unwetter im westlichen Mittelmeer. Auf der Alpennordseite kommt hingegen vorübergehend Bise mit Hochnebel auf, bis das Mittelmeertief weit genug entfernt ist, die Bise abflaut und der Nebel auf den Boden absinkt: In der Höhe stellt sich ein typischer Martinisommer ein – T-Shirt-Wetter auf 800 m am 11.11.2021.
Markante Wettererscheinungen, Unwetterpotenzial
Während BM in den anderen Jahreszeiten für ruhiges Wetter sorgt, ist sie im Sommer für die meisten Unwetter auf der Alpennordseite verantwortlich. Der Grund liegt in der oft noch von einem vorhergehenden Trog vorhandenen Höhenkaltluft. Da unter der Hochdruckbrücke meist keine steuernden Winde mehr vorhanden sind, verlagern sich Schauer und Gewitter oft kaum von der Stelle und leeren ihre gesamte Ladung auf eng begrenztem Raum ab, oftmals über Stunden. Folge sind Überschwemmungen, Flash-Floods und Anhäufungen von dichtem, kleinkörnigem Hagel. Besonders anfällig dafür sind die Voralpen und der Jura, manchmal aber auch die Mittelgebirge weiter nördlich.
Auswirkungen auf den Vogelzug
Die Hochdruckbrücke Mitteleuropa wird vor allem von Langstreckenziehern genutzt, die im August und September ziehen – dasselbe gilt vermutlich auch für den weniger gut erforschten Frühjahrszug. In diesen Monaten begünstigt die starke Sonneinstrahlung gute Thermik, die von Gleitern wie den Greifvögeln und Störchen genutzt wird, aber auch die Rauchschwalbe zieht besonders gerne mit der Hochdruckbrücke. Der erste Tag einer BM-Phase kann ein Spitzenzugtag sein, wenn die Vorgänger-GWL eine Zugstau verursachende zyklonale Lage war. Im späteren Herbst nimmt die Nutzung dieser Wetterlage ab, wahrscheinlich aufgrund abnehmender Thermik und zunehmenden Inversionslagen mit Hochnebel.
Grundlagen:
Katalog der Großwetterlagen Europas (1881-2009) nach Paul Hess und Helmut Brezowsky
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 1976-2000
Wulf Gatter: Vogelzug und Vogelbestände in Mitteleuropa, erschienen im Aula-Verlag, 2000
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Microwave am 7. August 2022 um 19:38 Uhr
Hoi Federwolke, danke für dieses Porträt. 2 Fragen habe ich: 1: Werum gibt es immer wieder diese Austrogungen so dass die Tiefs nicht glatt durchziehen? Also aus welchem Grund gibt es da immer (häufiger?) eine Blockade bei Osteuropa?? 2: Es ist geschrieben als Beispiel vom Frühsommer, aber die Karten sind vom 6. November angeblich? Kann man dort noch die passenden Karten zufügen? Grüsse – Microwave =)
Fabienne Muriset am 7. August 2022 um 20:41 Uhr
Hoi Microwave. Besten Dank für den Hinweis, da ist mir tatsächlich zweimal dieselbe Karte reingerutscht, das ist jetzt korrigiert. Zum Glück gibt es tatsächlich jemanden, der sich die Beträge genau anschaut 😉
Hauptursache der Zunahme von Austrogungen sind bei den Porträts der Troglagen erklärt. Diese signifikante Zunahme bei gleichzeitig starker Abnahme der Westlagen – vor allem WZ – kann nur mit einer permanenten Schwächung des Jetstreams erklärt werden, der dadurch häufiger mäandert. Dass er dies genau über West- und Mitteleuropa tut, muss mit der begünstigenden Wirkung des Temperaturunterschiedes zwischen Meer und Landmasse zu tun haben, während die Kontinentalmasse im Osten stabile Hochs begünstigt. Diese gab es über Russland schon immer, jetzt sind sie aber häufiger über Osteuropa zu finden. Sie sind also nicht Ursache, sondern Folge der Austrogungen weiter westlich, welche die Warmluftzufuhr nach Osteuropa weiter verstärken. Man kann auch von einem System positiver Rückkoppelung sprechen.
Grüsslis, Fabienne