Hier wird eine vom Aussterben bedrohte Grosswetterlage vorgestellt: „Hoch Nordmeer-Island, in Mitteleuropa überwiegend antizyklonal“ führt heute nur noch ein Nischendasein. Einzig im April tritt sie noch fast zuverlässig in der erforderlichen Mindestzahl von drei Tagen auf, so auch 2020, 2021 und 2022. Ein Porträt.

Hoch Nordmeer-Island antizyklonal sorgt fast alljährlich zuverlässig für eine stabile Phase im sonst launischen April, 2015 in nahezu perfekter Lehrbuch-Ausführung (Orientierungshilfe: roter Punkt = Basel)
Beschreibung
Ein abgeschlossenes, blockierendes Hochdruckgebiet liegt über dem Nordmeer und dem Seegebiet zwischen Island und Schottland. Ein Keil erstreckt sich südostwärts nach Mitteleuropa, ohne dass eine Verbindung zum Subtropenhoch besteht. Die westatlantische Frontalzone ist in einen nördlichen, über Grönland hinweg verlaufenden, und einen südlichen, nach Südwesteuropa und dem Mittelmeer gerichteten Zweig aufgespalten. An beiden Flanken des Hochs befinden sich häufig meridionale Höhentröge. Die über Westrussland südwärts wandernden Einzelstörungen streifen höchstens Mitteleuropa. Über dem östlichen und mittleren Mittelmeergebiet herrscht meist tiefer Luftdruck.
Zuordnung
Grosswettertyp (GWT): Nord
Zirkulationsform (ZF): meridional
Klimaregime: NAO- (negative nordatlantische Oszillation)
Verwandte GWL: in antizyklonaler Richtung Nord antizyklonal NA und Hoch Britische Inseln HB; in zyklonaler Richtung Hoch Nordmeer zyklonal HNZ und Nord zyklonal NZ
Statistik
häufigstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: April 3.07 %, Mai 2.84 %
häufigstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: April 3.47 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: November, Dezember, Januar je 0.00 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: März 0.39 %, November 0.40 %
Häufigkeit Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025: 1.03 %, Veränderung gegenüber 1976-2000: -0.46 Prozentpunkte
Rang Häufigkeit aller GWL: 1976-2000 Rang 25, 2001-2025 Rang 26 (Rangverschiebung: -1)
längste ununterbrochene GWL HNA: 10 Tage vom 1. bis 10. Januar 1997
häufigste Nachfolge-GWL 1881-1997 (nach DWD): 1.: West zykl. WZ 13.0 % / 2. Hoch Mitteleuropa HM 11.7 % / 3.: Hoch Nordmeer zykl. HNZ und Nord zykl. NZ je 8.9 %
seltenste Nachfolge-GWL 1881-1997 (nach DWD): 1.: Süd zyklonal SZ und Hoch Fennoskandien zyklonal HFZ 0.6 % (= je 2 Fälle)
Wie die meisten Nordlagen tritt auch HNA im Frühling regelmässig auf, einen kleinen zweiten sekundären Cluster gibt es im Spätsommer bzw. Frühherbst. Gegenüber dem langjährigen Vorkommen hat diese Wetterlage in allen Monaten ausser im Frühling und im Oktober stark abgenommen, von November bis Januar ist sie in den letzten 25 Jahren gar nie mehr aufgetreten. Bemerkenswert ist auch der Rückgang im Juni, was dessen Wandlung von einem Frühlings- in einen vollwertigen Sommermonat in letzter Zeit mitgestaltet hat.
Ab Beginn der statistischen Erfassung 1881 bis etwa in die 1940-er Jahre waren 12 bis 16 Tage pro Jahr mit HNA normal (Änderungen bei den Klassifizierungskriterien beim DWD vorbehalten). Der allmähliche Absturz erfolgte zur Mitte des letzten Jahrhunderts und hat sich dann für eine Weile zwischen 6 und 10 Tagen pro Jahr eingependelt. Seit dem Milleniumswechsel ist das Niveau noch mal gesunken. Gab es zuvor noch eine Häufung dieser Wetterlage in Jahren mit stärkerer negativer NAO (z.B. Mitte der 90er Jahre), hilft in letzter Zeit auch das nicht mehr. Ist diese Wetterlage etwa im Aussterben begriffen?

Witterung
Zu allen Jahreszeiten weitgehend trockene Witterung mit Ausnahme von Sommergewittern im Bergland. Grosser Tagesgang der Temperatur im Sommerhalbjahr.
Frühling und Herbst: Tagesminimum der Lufttemperatur unternormal, Tagesmaximum im Westen übernormal; Niederschlag unternormal
Sommer: von Ost nach West Tendenz von kälter zu wärmer als normal; Niederschlag unternormal
Winter: kälter als normal; Niederschlag unternormal
Typische Beispiele
Frühling (Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht):
Prägend sind das blockierende warme Höhenhoch über dem Nordmeer sowie das darunter liegende Bodenhoch mit Kerndruck über 1030 hPa, was für Ende Mai beachtlich ist. Typisch für den Frühling sind die zahlreichen Kaltlufttropfen und CutOff-Tiefs, die westlich und östlich des Hochs nach Süden durchbrechen (= Omegahoch-Lage). So gelangt kühlere Luft aus Nordosten in den Alpenraum, die Labiltät durch Höhenkaltluft fördert Schauer und Gewitter.
Sommer:
Im Hochsommer ist das Hoch weniger stark ausgeprägt, steuert aber auch hier die atlantischen Störungen weit nördlich nach Osten. Da jetzt weniger Kaltluftmasse vorhanden ist, sind Durchbrüche südlich des Hochs seltener und nur schwach ausgeprägt. Diese Lage sorgt im Sommer für angenehme, trockene Wärme in Mitteleuropa. Da die Alpen am Rand des Hochs liegen, kommt es hier tagesgangbedingt zu lokalen Gewittern.
Markante Wettererscheinungen, Unwetterpotenzial
In weiten Teilen Mitteleuropas bleibt es bei dieser Lage ruhig. Die östlichen Regionen werden allerdings von den Kaltluftausbrüchen über Osteuropa gestreift, was bevorzugt in den Ostalpen mitunter kräftige Gewitter zur Folge hat, insbesondere im Frühsommer. Bei den nur noch sehr selten auftretenden HNA-Lagen im Winter sind im östlichen Mitteleuropa mit schneidendem Nordwind auch Schneefälle und Schneeverwehungen möglich.
Auswirkungen auf den Vogelzug
Wie bei den meisten antizyklonalen Nord- und Ostlagen wird HNA im frühen Herbstzug noch überdurchschnittlich genutzt, besonders auffällig durch Brach- und Baumpieper. Ab Ende September nimmt die Hochnebelanfälligkeit deutlich zu und mit schlechterer Sicht sinkt auch die Nutzung dieser Wetterlage durch die Zugvögel. Beim Frühjahrszug ist der Gegenwind hinderlich, sodass auch bei sonst günstiger Witterung die Lage nur schwach genutzt wird, am ehesten dann noch bodennah.
Grundlagen:
Katalog der Großwetterlagen Europas (1881-2009) nach Paul Hess und Helmut Brezowsky
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 1976-2000
Wulf Gatter: Vogelzug und Vogelbestände in Mitteleuropa, erschienen im Aula-Verlag, 2000
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