Man wollte sie bereits für tot erklären: Von 2013 bis 2017 trat „Hoch Nordmeer-Fennoskandien, in Mitteleuropa überwiegend antizyklonal“ überhaupt nicht mehr auf. Seit 2018 ist sie in jedem Frühjahr wieder mindestens einmal vertreten, auf den zweitletzten Rang aller 30 GWL bleibt sie trotzdem kleben. Ein Porträt.

Kurz, aber prägnant war die dreitägige HNFA im Februar 2021: Sie sorgte für den kältesten Witterungsabschnitt dieses Winters mit bis zu -27 Grad in der Mitte Deutschlands (Orientierungshilfe: roter Punkt = Basel)
Beschreibung
Eine langgestreckte, manchmal brückenartige Hochdruckzone reicht vom Raum Island bis nach Nordrussland und in ihrem südlichen Teil bis in das nördliche Mitteleuropa. Da gleichzeitig über dem Mittelmeer tieferer Luftdruck vorherrscht, entsteht eine durchgehende, meist aber nur schwache Ostströmung von Westrussland über Mitteleuropa bis zu den Britischen Inseln oder darüber hinaus. Nördlich des Hochdrucksystems herrscht vielfach eine intensive Westströmung von Nordgrönland zum Eismeer.
Zuordnung
Grosswettertyp (GWT): Ost
Zirkulationsform (ZF): meridional
Klimaregime: meist NAO- (negative nordatlantische Oszillation) oder Block, wenn der Hochdruck nicht ganz bis Island reicht
Verwandte GWL: in antizyklonaler Richtung Hoch Fennoskandien antizyklonal HFA; in zyklonaler Richtung Hoch Nordmeer-Fennoskandien zyklonal HNFZ
Statistik
häufigstes Auftreten im Zeitraum 2001-2025: April 2.80 %
häufigstes Auftreten im Zeitraum 1976-2000: Mai 3.23 %
seltenstes Auftreten im Zeitraum 1976-2025: Januar, August, Oktober je 0.00 %
Häufigkeit Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2025: 0.68 %, Veränderung gegenüber 1976-2000: -0.06 Prozentpunkte
Rang Häufigkeit aller GWL: 1976-2000 Rang 29, 2001-2025 Rang 29 (Rangverschiebung: 0)
längste ununterbrochene GWL HNFA: mehrmals 6 Tage, zuletzt vom 15. bis 20. April 2019, sowie Mai 1992, 1993 und 1994
häufigste Nachfolge-GWL 1881-1997 (nach DWD): 1.: Hoch Nordmeer antizyklonal HNA 15.6 %, 2. Hoch Nordmeer-Fennoskandien zyklonal HNFZ 10.1 %, 3. Hoch Nordmeer zyklonal HNZ 9.1 %
seltenste Nachfolge-GWL 1881-1997 (nach DWD): Südwest antizyklonal SWA, Süd zyklonal SZ und Hoch Fennoskandien zyklonal HFZ je 0.0 %
HNFA war schon immer eine typische Frühlingserscheinung, in den anderen Jahreszeiten trat sie äusserst selten auf. In den letzten 25 Jahren gab es eine leichte Vorverschiebung vom Mai in den April.
Auffällig ist die nahezu völlig ereignislose Phase 2010-2017, seither ist der Trend wieder steigend. Das länger andauernde Hoch der 1990er Jahre fällt in eine Phase mit häufig negativer nordatlantischer Oszillation. Eine Prognose für die nächsten Jahre ist aufgrund der starken Schwankungen schwierig, man kann aber davon ausgehen, dass diese Wetterlage auch in Zukunft zu den seltensten überhaupt gehören wird.
Witterung
Im Winterhalbjahr kalt, im Sommerhalbjahr warm, dabei im nördlichen Mitteleuropa überwiegend trocken. Der Alpenraum kann von Tiefs über dem Mittelmeer beeinflusst sein.
Frühling: wärmer als normal ausser Tagesminima (Spätfröste!), Niederschlag unternormal
Sommer: wärmer als normal; Niederschlag unternormal mit Ausnahme des Westens und des Alpenraums, hier unstrukturiert durch Gewitter
Herbst und Winter: kälter als normal, Niederschlag unternormal mit Ausnahme des Alpenraums
Typische Beispiele
Frühling (Klick ins Bild öffnet grössere Ansicht):
Für den Frühling typische meridionale Zirkulationsform mit regem Austausch polarer und subtropischer Luftmassen zwischen Nord und Süd. Der kräftige atlantische Jetstream wird blockiert und muss in der Folge vor den Westküsten Europas nach Norden ausweichen, die Front streift nur kurz das westliche Mitteleuropa. Charakteristisch für April sind die aus Nordost am Südrand des Skandihochs ziehenden Kaltlufttropfen. Bei deren stärkerem Einfluss auf Mitteleuropa wird die Lage als zyklonal klassifiziert: Mit ein Grund, weshalb die zyklonale Variante häufiger ist als die antizyklonale. In diesem Fall sehen wir gerade den Übergang von zyklonal zu antizyklonal, das Hoch lässt den Kaltlufttropfen über dem Baltikum auflaufen.
Herbst:
Langgezogenes, zonal ausgerichtetes Boden- sowie Höhenhoch über Nordeuropa. Der Polarjet verläuft weit nördlich, während der Subtropenjet über dem Mittelmeer positioniert ist. Unter diesem befindet sich eine von Portugal bis zum Schwarzen Meer reichende Tiefdruckrinne, die auch den Alpenraum beeinflusst und lokal nur schwache Schauer verursacht. Anders als im Frühling ist die Luftmasse über Europa recht homogen temperiert und auch deutlich stabiler geschichtet, Konvektion kann daher nur durch starke orographische Hebung entstehen.
Markante Wettererscheinungen, Unwetterpotenzial
Da bei dieser Wetterlage im Winterhalbjahr polare bis arktische Luftmassen kontinentaler Herkunft in Mitteleuropa unter Hochdruckeinfluss geraten und zur Ruhe kommen, sind strenge Fröste vorprogrammiert. Auch im Frühling sind dadurch noch schädliche Fröste bis in den Mai hinein möglich. Im Sommerhalbjahr ist starker Tagesgang der Temperatur charakteristisch. Der Alpenraum steht oft unter Einfluss von Mittelmeertiefs, das bedeutet im Sommer Gewitter mit aussergewöhnlichen Zugbahnen aus Ost bis Südost, im Winter Schneefall entlang der häufig sich bildenden Luftmassengrenze in Alpennähe (warm-feuchte Mittelmeerluft gleitet auf die nördlich der Alpen lagernde Kaltluft auf).
Auswirkungen auf den Vogelzug
Das extrem seltene Auftreten dieser Wetterlage lässt keine belastbaren Statstiken zum Vogelzug zu.
Grundlagen:
Katalog der Großwetterlagen Europas (1881-2009) nach Paul Hess und Helmut Brezowsky
Statistik der Grosswetterlagen aufgeschlüsselt nach Monat und Gesamtjahr im Zeitraum 2001-2024
Wulf Gatter: Vogelzug und Vogelbestände in Mitteleuropa, erschienen im Aula-Verlag, 2000
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