Wer nicht gerade das Glück hatte, in den Alpen bzw. auf deren Südseite zu leben oder zumindest in akzeptabler Tagesausflugs-Distanz dazu, erlebte die sprichwörtliche November-Tristesse bereits einen Monat zu früh. Besonders hart traf es einen Streifen quer durch die Mitte Deutschlands mit einer Sonnenausbeute teils unter 50 % zur langjährigen Norm, aber auch das nördliche Alpenvorland wurde mit 60 bis 70 % nicht wirklich verwöhnt. Dabei wäre es für viele Menschen wichtig, vor dem Winter noch mal viel Licht zu tanken. Wer selbst nicht von Winterdepression betroffen ist, kann sich das vielleicht schwer vorstellen, ist aber so.

Die Schneefälle von Ende September haben den Gletschern nichts genützt: Nur in schattigen Nordhanglagen sind noch wenige Reste vorhanden (Aletsch, 13.10.2025)
Die fotometeo.ch/orniwetter.info-Monatsprognose, erstellt am 1. Oktober, lautete wie folgt:
Angesichts der unsicheren Ausgangslage mit den Ex-Tropenstürmen auf dem Atlantik ist es sinnvoll, sich auf den allerneuesten Modelllauf zu stützen. Dieser zeigt eine mässig positive Druckanomalie mit Zentrum westlich von Irland, die bis zu den Alpen reicht. Aufgrund einer Kälteanomalie im zentralen Atlantik, die aus den ansonsten deutlich zu warmen Meeren heraussticht, ist eine reduzierte Tiefdrucktätigkeit in dieser Region durchaus plausibel. Atlantische Tiefs ziehen also entweder weit nördlich oder weit südlich – eine völlig gegensätzliche Situation als noch genau vor einem Jahr. Den nördlich ziehenden Tiefs steht nach wie vor ein blockierendes Hoch über Nordwestrussland im Weg, sie werden also über Skandinavien zum Abtropfen gezwungen. Entsprechend taucht eine negative Druckanomalie über Südosteuropa auf, die allerdings in der Höhe ausgeprägter ist als am Boden (= Kaltlufttropfen). Aus dieser Konstellation lässt sich auf häufigen Hochdruck in Westeuropa schliessen, ergo Nordwest- bis Nordlagen und Hochs in Mitteleuropa mit vermehrtem Einfluss von Höhentiefs in den östlichen Regionen und Neigung zu Ostlagen, wenn das Hoch zwischenzeitlich mal nach Skandinavien wegflutscht. West- bis Südlagen dürften somit in diesem Monat eher kurze Gastspiele geben.
Wie bereits erwähnt gehe ich einmal mehr von einem Kaltbias im Modell aus, für Mitteleuropa erwarte ich eher einen Monat im knappen Plus, also mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer Null vor dem Komma, das wäre auch konsistent zu den vergangenen drei Monaten. Auch die Kälte in Grönland dürfte stark übertrieben sein – lassen wir uns überraschen, was davon noch übrig bleibt. Ein leicht untertemperiertes Südosteuropa ist bei der aktuellen Ausgangslage wahrscheinlich, aber auch hier nicht so extrem wie vom Modell gerechnet. Viel eher vermute ich, dass die positiven Abweichungen in Skandinavien und Südwesteuropa stärker ausfallen werden.
Beim Niederschlag fällt die hohe positive Abweichung in Südosteuropa auf, verursacht durch die dortigen Kaltlufttropfen. Auf dem Atlantik ziehen Ex-Tropenstürme ihre blauen Bahnen, einerseits auf südlicher Route via Azoren Richtung Marokko oder allenfalls auch noch Iberische Halbinsel (die gerechnete Trockenheit dort steht somit auf wackligen Füssen), andererseits Richtung Schottland und Norwegen. Aufgrund überwiegender nord- bis nordwestlicher Anströmung wird die Alpensüdseite über längere Zeit trocken sein. Aber wehe es stellt sich auch nur eine einzige kurze Südwest- oder Südlage ein: Das 2-3 Grad zu warme Mittelmeer stellt mehr als genug Energie zur Verfügung. Wird der ganze klimatologische Normniederschlag innerhalb weniger Stunden abgeladen, ist die Trocken-Anomalie im Nu weg und die Bilanz zur Langzeit-Charakteristik des Monats völlig verfälscht.
Vergleich der Prognose (oben) mit der Analyse (unten) der Abweichungen des Bodendrucks gegenüber dem langjährigen Mittel:

Die Positionen der Druckfelder wurden sehr gut prognostiziert, beim Betrag hat es gehapert: Das Hoch über Westeuropa war weniger persistent, die Tiefdrucklage mit „Benjamin / Joshua“ zum Monatsende hat einen Grossteil der positiven Abweichung wieder weggewischt. Im Gegenzug war der Einfluss der von Skandinavien nach Osteuropa abtropfenden Tiefs stärker als erwartet. Der Alpenraum landete somit im langjährigen Mittel statt in einem leichten Plus.
Abweichung der Luftmassen-Monatsmitteltemperatur in rund 1500 m Höhe zur Vergleichsperiode 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Analog zur Druckverteilung hat auch die Temperaturverteilung sehr gut gepasst. Der Texthinweis, dass die Kälte wahrscheinlich zu stark modelliert wird, war wichtig und richtig: In Südosteuropa resultierte ein Minus von knapp -3 Grad statt -3 bis -4, und Grönland war sogar nahezu normal temperiert. Das Gefälle über Mitteleuropa von Nordwest nach Südost ist auch am Boden feststellbar: Flächenmittel Niedersachsen +0.8, Baden-Württemberg und Bayern wenige Hundertstel im Plus, die Niederungen der Deutschschweiz und Österreich bei -0.2 bis -0.3 Grad (die Bodenkarte der NOAA-Analyse ist wegen eines Datenfehlers in der Klimadatenbank leider nach wie vor unbrauchbar). Auf den Bergen Österreichs war der Einfluss der Höhenkaltluft stärker zu spüren, hier resultierte ein Minus von 1.5 Grad, in der Schweiz hingegen nur -0.3 Grad zu 1991-2020. Diese Auswertung der Messdaten zeigt, dass die 850 hPa-Abweichung der NOAA-Karte vertrauenswürdig ist, wir bleiben daher auch für die Zukunft bei dieser Darstellung für die Verifikation der Prognosen.
Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Die Prognose für die Niederschlagsabweichung war in den meisten Regionen Europas verblüffend genau. Etwas nasser als berechnet wurde es im Alpenraum und im westlichen Mittelmeer, aber auch auf diese Möglichkeit wurde im Prognosetext hingewiesen und ist daher keine Überraschung. Mitteleuropa ist allerdings ein Flickenteppich mit starken regionalen Unterschieden, die erst in den besser aufgelösten Karten der Landeswetterdienste sichtbar werden: Schweiz, Österreich, Deutschland.
Aussergewöhnlich für einen Oktober ist das gänzliche Fehlen von Südlagen und Südwest, von der erst am allerletzten Tag ein Lebenszeichen kam. Entsprechend fehlen auch die für Föhnlagen typischen trocken-warmen Tage. Wie bereits im Frühling scheint also auch der Herbst in diesem Jahr in der meridionalen Zirkulation mehr auf Nord und Ost zu setzen, ganz gegensätzlich zum langjährigen Trend seit der Jahrtausendwende. Man darf gespannt sein, wie sich dies im kommenden Winter fortsetzt. Eine Prognose dazu erscheint in diesem Blog voraussichtlich kurz nach Mitte November. Allzu viel sollte man aber auch von den Wetterlagen aus dem Nordsektor nicht mehr erwarten, wie die Diskrepanz zwischen dem Potenzial und den real eingetroffenen zu kalten Tagen zeigt.
Die Prognose für den November findet man auf unserer Partnerseite orniwetter.info, sie wird zu Beginn des nächsten Monats in diesem Blog verifiziert.
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