Bei einem Sandwich soll das Gute in der Mitte liegen, sagt man. Nun, bezogen auf den Mai 2026 dürfte dies Geschmackssache sein. Der Monat war exakt dreigeteilt: Erstes Drittel wechselhaft-warm, zweites Drittel nass-kalt, drittes Drittel trocken-heiss. Am Beispiel der durchschnittlichen Tageshöchsttemperatur in Konstanz: 21.7 / 15.4 / 28.4 mit sechs Hitzetagen. Visp brachte es gar auf deren zehn am Stück, was für Mai neuer Rekord ist. Überhaupt purzelten Rekorde in Mittel- und Westeuropa zuhauf, manche wurden regelrecht pulverisiert – sie aufzuzählen würde den Rahmen dieses Blogs bei weitem sprengen und andere Medien haben dies bereits zur Genüge aufgegriffen. Kaum erwähnt wurde die Kuriosität, dass im Alpenraum trotz der sehr kühlen Phase dieser Mai vielerorts unter den zehn wärmsten seit Messbeginn landete, in Grächen (Oberwallis, 1605 m) gar auf dem dritten Rang.

Trotz der vielbeklagten Trockenheit alles quietschgrün, Heuernte in vollem Gang: Am 24. Mai erinnerten nur noch Schneereste auf der Voralpenkette an die Eisheiligen
Die fotometeo.ch/orniwetter.info-Monatsprognose, erstellt am 1. Mai, lautete wie folgt:
Immerhin gibt es diesmal in den Langfristmodellen einen Mehrheitencluster mit nur wenigen Ausreissern komplett anderer Lösungen, die Unsicherheit beschränkt sich hiermit auf Details – doch der Reihe nach. Relative Einigkeit besteht über die negative Druckanomalie über dem Nordatlantik mit Tendenz zu häufigen Austrogungen. Das Zentrum der Tiefdruckaktivität liegt demnach zwischen Irland, den Azoren und der Biskaya, was häufige Süd- bis Südwestlagen zur Folge hat. Zwar haben diese Grosswettertypen normalerweise erst ab Juni Hochsaison, doch wenn sich fast alles nach vorne verschiebt, warum nicht auch diese Wetterlagen? Zumal sich auf dem zentralen Nordatlantik eine Kaltwasser-Anomalie gebildet hat, was im Sommerhalbjahr (anders als im Winter, dann stabilisierend und Nordlagen fördernd) die Tiefdruckaktivität und insbesondere das Austrogen begünstigt – Mitteleuropa liegt dann häufig auf der warmen Vorderseite. Entsprechend wird mit einer starken positiven Geopotenzial-Anomalie von Tunesien bis nach Osteuropa gerechnet. Die Grenze zwischen Hoch- und Tiefdruckeinfluss verläuft also meist genau über Mitteleuropa, was bedeuten kann, dass es hin und her geht, oder aber dass sich die eine (Westlagen) oder andere (Hochdrucklagen) Seite dauerhaft durchsetzt, worin das Risiko dieser Prognose besteht. Zumindest für die erste Monatshälfte zeigen die Mittelfristmodelle ein Hin und Her, daher fiel die Wahl auf diesen Lauf.
Bei der Temperaturabweichung besteht ein starkes Südost-Nordwest-Gefälle. Um drei Grad im Plus (wahrscheinlich abseits der Föhngebiete etwas gar hoch gegriffen) zeigt unser Lauf auch in Bodennähe des Alpenraums, nur knapp über einem Nuller an der Nordsee. Bemerkenswert sind die starken negativen Anomalien der Luftmassentemperatur rund um Island und vor Portugal, die sich aber kaum bis zum Boden durchsetzen, hier wird nur eine schwache negative Abweichung um -1 Grad zur Vergleichsperiode 1991-2020 gerechnet.
Die grösste Unsicherheit besteht wie meistens beim Niederschlag. Unser Lauf zeigt eine nasse Strasse von den Balearen über Frankreich und Norddeutschland bis zur Ostsee, was der durchschnittlichen Lage der Frontalzone bei Süd- bis Südwestlagen entspricht. Demnach wäre der Alpenraum aufgrund des hohen Geopotenzials im normalen bis leicht zu trockenen Bereich, aber eben: Eine geringe Verschiebung der Druckzentren kann das alles über den Haufen werfen. Insbesondere die Alpensüdseite wäre bei einer Annäherung des Trogeinflusses prädestiniert für Starkregenereignisse aufgrund der rekordhohen Temperatur des Mittelmeers – unser Lauf zeigt dies ja andeutungsweise zwischen Algerien und den Balearen. Ein kleiner Schubser und die Sosse landet bei uns, dann spricht rasch keiner mehr über Dürre und Waldbrandgefahr – viel eher stellt sich die Frage, wie viel die oberflächlich ausgetrockneten Böden aufzunehmen vermögen.
Vergleich der Prognose (oben) mit der Analyse (unten) der Abweichungen des Geopotenzials 500 hPa (ca. 5500 m) gegenüber dem langjährigen Mittel:

Die Aussagekraft der Analysekarte tendiert gegen Null, weil sich die verschiedenen Druckkonstellationen über den gesamten Monat rausmitteln. Die prognostizierten Abweichungen gab es zwar, waren aber jeweils von zu kurzer Dauer, um dem Monat den Stempel aufzudrücken. Die Gründe dafür werden wir bei der Wetterlagenstatistik weiter unten sehen.
Abweichung der Monatsmitteltemperatur in ca 1500 m Höhe zur Vergleichsperiode 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Die für Süd- bis Osteuropa gerechnete Wärmeanomalie geriet in Schieflage und konzentrierte sich einerseits auf Westeuropa und andererseits auf den Nordosten. Aussergewöhnlich für heutige Verhältnisse ist die Kälteanomalie in der Türkei und im Nahen Osten, sie schlug lokal auch am Boden mit einer Abweichung von -3 Grad zur Norm 1991-2020 zu Buche. Überhaupt korrelieren die Abweichungen am Boden recht gut mit den gezeigten in rund 1500 m Höhe.
Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Die Schwarzmeerregion war nicht nur aussergewöhnlich kalt, sondern auch nass, was die Prognose zumindest ansatzweise erkannt hat. Auch die Trockenheit im Alpenraum und am Balkan wurde recht gut gerechnet, ansonsten brachte die diffuse Druckverteilung auch beim Niederschlag einiges durcheinander. Bemerkenswert sind die regionalen Unterschiede mit Extremen auf oft nur geringe Distanz, wie die hoch aufgelösten Karten der Landeswetterdienste zeigen: Schweiz, Österreich, Deutschland. Die Skala vom DWD wurde mal wieder gesprengt: Lokal wurde mehr als das Dreifache der üblichen Menge gemessen (Bad Lippspringe 330 %).
Gerade mal acht Tage dieses Monats waren normal temperiert, die Hälfte war deutlich zu warm (16 Tage), und eine ganze Woche deutlich zu kühl. Die 14 nassen Tage beziehen sich wieder direkt auf den Alpenrand, abseits davon waren es meist um zehn und nicht selten mit nur bescheidenen Niederschlagsmengen. Bereits die Verteilung der Grosswettertypen zeigt die breite Spanne auf, noch deutlicher wird es mit der Aufschlüsselung der Wetterlagen. Antizyklonale und zyklonale Lagen heben sich gegenseitig auf, auch die unterschiedliche Anströmung (West bis Südwest vs. Nordwest bis Nord). Etwas überraschend, weil entgegen dem langjährigen Trend, war die persistente Hochdrucklage vom 21. bis 29. Mai, die verantwortlich für die Hitzewelle war:
Gezeigt wird, wie sich die Häufigkeit der einzelnen Grosswetterlagen seit dem Milleniumswechsel gegenüber der Vorperiode 1976-2000 verändert hat. Tippt man bei unsicherer Modelllage auf jene GWL, die zuletzt stark zugenommen haben, erhöht dies die Trefferwahrscheinlichkeit. Dies wird im aktuellen Fall verdeutlicht durch die schwarz hervorgehobenen Zahlen jener Wetterlagen, die tatsächlich im Mai 2026 aufgetreten sind. Diese Statistik wird bis auf weiteres fixer Bestandteil der Monatsanalyse sein.
Auch in diesem Jahr war also der Mai wieder der bessere April. Während sich Hitzewellen immer mehr nach vorne verschieben und extremer werden, nimmt die Wahrscheinlichkeit für Kälterückfälle nicht ab, im Gegenteil: Etwas überraschen mag, dass der Trend bei den Bodenfrosttagen im Mai seit gut 20 Jahren sogar wieder ansteigt. Hier das Beispiel von Bayern, in Baden-Württemberg sieht es ähnlich aus und so kann man davon ausgehen, dass dies für die gesamte Alpennordseite auch in der Schweiz und Österreich gilt:
Quelle und Möglichkeit, sich durch weitere Bundesländer und Gesamtdeutschland zu klicken: MT-Wetter
Die Prognose für den Juni findet man auf unserer Partnerseite orniwetter.info. Sie wird je nach Datenverfügbarkeit ungefähr am 10. des Folgemonats verifiziert (die europäischen Portale brauchen leider für die Veröffentlichung deutlich länger als die NOAA, deren Analyse-Tool seit Mitte März nicht mehr aktualisiert wird).
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