(Fast) alle Jahre wieder: Das Lamento über die ach so schlimme Trockenheit, unterlegt mit Defizit-Karten und -Diagrammen wabert durch den digitalen Blätterwald, dabei grünt dieser (ebenso wie die Wälder draussen) prächtig wie eh und je. Obwohl an dieser Stelle ebenso (fast) alljährlich wiederholt: Ein Niederschlagsdefizit in der ersten Frühlingshälfte ist zumindest für alle tief wurzelnden Pflanzen kein Problem, sogar die meisten Bodenfeuchte-Messtationen melden keine signifikante Trockenheit, weil noch genug Wasser aus der dunklen Jahreszeit in den Böden gespeichert ist. Problematisch wird es erst, wenn die bei uns klimatologisch niederschlagsreichsten Monate Mai bis August deutlich zu trocken ausfallen. Wenn dann aber diese Monate das angeblich Ersehnte liefern, wird schon wieder gejammert – spätestens während der Ferien- und Erntezeit. Nein, dies ist keine Sommerwetter-Prognose, sondern eine zur menschlichen Psychologie.

Blattentfaltung der Eiche abgeschlossen, hüfthohes Gras in den Wiesen, blühender Raps – dies nach einem extrem trockenen April (Gurten bei Bern, 820 m, 27.04.2026)
Die fotometeo.ch/orniwetter.info-Monatsprognose, erstellt am 1. April, lautete wie folgt:
Der bevorzugte Modelllauf zeigt eine ausgeprägte Hochdruckanomalie mit Schwerpunkt über dem Nordmeer bis Skandinavien mit einem Ausläufer bis ins westliche Mitteleuropa. Tiefdruckanomalien nehmen auf dem Atlantik den gesamten Raum zwischen Island und den Azoren ein sowie den südlichen Mittelmeerraum und Südosteuropa. Die Breite des Hochdrucks deutet darauf hin, dass nach der (vorübergehenden) Westlage hauptsächlich Wetterlagen des Typs Ost (und zwar das gesamte Spektrum) und Nord dominieren sollen, aber auch Hoch Mitteleuropa sollte mal ein Gastspiel geben. Das entspricht dem gängigen Muster des Aprils der letzten Jahre, aber eben: Überraschungen sind vorprogrammiert.
Die Temperaturabweichung in West- und Mitteleuropa wird zurückhaltend gerechnet, was aufgrund der gegebenen Unsicherheiten mit ein Grund war, diesen Lauf herauszupicken. Von einem deutlich zu kalten bis ausserordentlich warmen April bietet das Modell nämlich in anderen Läufen alles an. Die Erfahrung spricht aber dafür, dass wir ein heftiges Auf und Ab erleben dürften, was sich schlussendlich im Monatsmittel einigermassen ausgleicht. Dass der Osten eher zur kühleren Seite und der Westen zur wärmeren tendiert, ist den Nordlagen geschuldet. In der Bodenkarte verläuft die Null-Linie durch Österreich über den Böhmerwald und Tschechien nach Polen, während in den Westalpen ein kleines Gebiet mit Abweichungen von über +2 Grad erscheint (das werden wohl Ost- bis Südostföhneffekte sein), sonst in Mitteleuropa verbreitet etwa +1 Grad zur Periode 1991-2020. Dass es in Teilen Südosteuropas und Nordafrikas wie vom Modell gerechnet Abweichungen von -3 Grad und kälter geben soll, darf erfahrungsgemäss bezweifelt werden.
Im hochdruckdominierten Nord- und Mitteleuropa dürfte der April deutlich zu trocken ausfallen, nahe an die Norm kommt jedoch die Alpensüdseite durch kurzzeitige Südoststaulagen. Deutlich zu nass wird fast der gesamte Mittelmeerraum gerechnet, da die Kaltlufttropfen aus Norden über dem warmen Wasser für ausreichend Labilität sorgen. Die tiefblauen Flächen dürften aber kaum so gross ausfallen wie gezeigt. Wen es genau und wie häufig mit konvektiven Niederschlägen erwischt, ist dem Zufall überlassen – mit turbulenten Phasen ist jedoch immer wieder zu rechnen.
Vergleich der Prognose (oben) mit der Analyse (unten) der Abweichungen des Geopotenzials 500 hPa (ca. 5500 m) gegenüber dem langjährigen Mittel:

Die unterschiedliche Kartenprojektion irritiert, doch die Prognose darf als sehr gut bezeichnet werden. Der Hochdruck über Westeuropa war noch etwas stärker als prognostiziert, ebenso der Tiefdruck über Osteuropa, womit weniger die Ostlagen dominierten, dafür mehr Nord- und Hochdrucklagen resultierten. Für die Witterung in Mitteleuropa machte dies keinen grossen Unterschied, einzig die Nachtfrosthäufigkeit war dadurch etwas erhöht.
Abweichung der Monatsmitteltemperatur in ca 1500 m Höhe zur Vergleichsperiode 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Hier wurde die Prognose noch besser getroffen: Kalter Nordatlantik und kaltes Osteuropa, warmes Skandinavien und Westeuropa, wobei Letzeres durch die stärkere Hochdruckpersistenz deutlich wärmer wurde als erwartet. Dadurch entstand in Mitteleuropa ein extremes Gefälle zwischen Südwesten und Nordosten, auch am Boden: In den Niederungen der Westschweiz resultierte eine durchschnittliche Abweichung von +2.4 Grad zum Mittel 1991-2020, im äussersten Osten Deutschlands eine von bis zu -1.4 Grad. Extrem war die Situation bedingt durch die häufigen Nordföhnlagen: Locarno-Monti weist eine Abweichung von +3.5 Grad auf, das ist zusammen mit 2011 der zweitwärmste April in der Messreihe seit 1883 – einzig der Überflieger 2007 war dort noch mal um 0.6 Grad wärmer. Dasselbe gilt auch für die Bergstationen der Westalpen.
Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (oben Prognose, unten Analyse):

Ebenfalls wenig zu beanstanden gibt es bei der Prognose der Niederschlagsverteilung. Weite Teile Mittel- und Westeuropas waren deutlich zu trocken. Ein einziges Niederschlagsereignis reichte hingegen aus, um im Nordosten Deutschlands die Erwartungen deutlich zu übertreffen: Am 19. April fielen dort lokal über 80 mm, was fast das Dreifache eines normalen April-Niederschlags bedeutet. Zugeschlagen hat wieder mal die berüchtigte und typische April-Wetterlage HNFZ. Andere Gebiete wiederum verzeichneten den trockensten April seit Messbeginn, namentlich Teile des Berner Oberlands und des Wallis. Herausgestrichen wird diese Region deshalb, weil nur ein Jahr zuvor dort das stärkste Schneefall-Ereignis in einem April gemessen wurde. Auch die neue Europa-Karte kann die regionalen Details nur unzureichend auflösen, daher wird die Empfehlung für einen Blick auf die Karten der Landeswetterdienste aufrecht erhalten: Schweiz, Österreich, Deutschland und wegen der besonderen Lage zusätzlich Frankreich.
Die Grosswettertypen Nord, Ost und Hoch teilten sich den Monat so gerecht wie möglich auf, nur drei Tage West und ein nicht zu definierender Übergangstag ergänzen das Sammelsurium. Einmal mehr fällt auf, dass trotz der häufigen Nordlagen nur zwei Tage als deutlich zu kühl eingestuft werden können, nämlich die beiden ersten des Monats. Bei den übrigen (antizyklonalen) war der Tagesgang teils extrem, so dass die hohen Nachmittagstemperaturen den kalten Start jeweils auszugleichen vermochten. Die acht nassen Tage kamen nur in den Nordalpen durch Staueffekte zustande, abseits davon waren es meist nur zwei bis fünf. Der „launische“ April manifestierte sich nicht nur durch die regional teils extremen Unterschiede, sondern auch durch die äusserst abwechslungsreiche Wetterlagenverteilung. Keine Grosswetterlage hielt länger als vier Tage am Stück, ganze neun wollten unbedingt mit auf die Bühne:
Gezeigt wird, wie sich die Häufigkeit der einzelnen Grosswetterlagen seit dem Milleniumswechsel gegenüber der Vorperiode 1976-2000 verändert hat. Tippt man bei unsicherer Modelllage auf jene GWL, die zuletzt stark zugenommen haben, erhöht dies die Trefferwahrscheinlichkeit. Dies wird im aktuellen Fall verdeutlicht durch die schwarz hervorgehobenen Zahlen jener Wetterlagen, die tatsächlich im April 2026 aufgetreten sind. Diese Statistik wird ab sofort fixer Bestandteil der Monatsanalyse sein.
Die Prognose für den Mai findet man auf unserer Partnerseite orniwetter.info. Sie wird je nach Datenverfügbarkeit ungefähr am 10. des Folgemonats verifiziert (die europäischen Portale brauchen leider für die Veröffentlichung deutlich länger als die NOAA, deren Analyse-Tool seit Mitte März nicht mehr aktualisiert wird).
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