Es ist wieder so weit: Einmal im Jahr mutiere ich für ein paar Tage zur „Flugmeteorologin“, eine willkommene Abwechslung im sonstigen Berufsalltag und stets eine höchst spannende Angelegenheit. Das Betreuerteam von SUI-2 ist inzwischen so stark gewachsen, dass die Belastung auf genügend Schultern und kluge Köpfe mit viel Innovationsgeist verteilt ist. Eigentlich unfassbar, dass ich diese Aufgabe 2015-2018 mit meinen bescheidenen Mitteln noch ganz alleine auf mich genommen habe. So ändern sich die Zeiten, aber dieser Blog bleibt sich treu.
Einführend oder als Auffrischung die generellen Bedingungen des Rennens:
Gewinner ist jenes Team, das am weitesten vom Start entfernten Punkt landet. Weder die zurückgelegte Strecke noch die aufgewendete Zeit spielen eine Rolle.
Der Start in Gladbeck am Nordrand des Ruhrgebietes in Nordrhein-Westfalen ist auf Freitagabend, 28.09.2026 ab 20:00 MESZ angesetzt. Bei schlechter Witterung kann jeweils um 24 Stunden verschoben werden, spätester Starttermin ist Montag, der 31. August um 23.30 MESZ.
Die am weitesten entfernten möglichen Landepunkte von Gladbeck aus gesehen sind:
– in nördlicher Richtung die Küste der Varangerhalbinsel in Norwegen, ca. 2435 km;
– in südöstlicher Richtung das östliche Ende von Kreta (Griechenland), ca. 2395 km;
– in südwestlicher Richtung die Südwestspitze von Portugal Ponta de Sagres, ca. 2048 km
– in südlicher Richtung das Capo Isola delle Correnti an der Südostspitze von Sizilien, ca. 1776 km
Offen sind alle Länder auf dem europäischen Festland mit Ausnahme von Kosovo, zudem Irland und Grossbritannien. Die östliche Begrenzung des Areals bilden die Grenzen zu Russland, Weissrussland, der Ukraine, der Republik Moldau und der Türkei. Zusätzlich wurde zu den Grenzen der in den Krieg involierten Länder eine Sicherheitszone eingerichtet, die das Wettkampfgebiet zusätzlich einschränkt. Jegliches Landen oder auch nur Befahren der rot und pink eingefärbten Zonen hat eine automatische Disqualifizierung zur Folge:
Quelle und zoombare Version der Karte: https://maps.gordonbennett.aero/2026/
Zu beachten ist, dass dadurch das Nadelöhr Suwalki-Lücke (Grenzübergang von Polen nach Litauen) noch schmaler geworden ist als ohnehin schon, sie beträgt gerade noch 36 km. Nicht berücksichtigt sind allfällige länderspezifische Luftraumrestriktionen: In früheren Jahren hatten einzelne Staaten ein Nachtflugverbot oder ähnliches.
Die offizielle Seite unter anderem mit Beiträgen zur Geschichte des Rennens, Regeln, teilnehmende Teams usw.: https://gordonbennett2026.de/de/
Das Live-Tracking während des Rennens und Live-Medienstream: https://live.gordonbennett.aero/
Wichtig! Das Tracking des Gordon Bennett 2026 läuft in diesem Jahr NICHT über YB Races und NICHT über die YB-App.
Mein Bluesky-Profil mit Kurzaktualisierungen, wenn keine Zeit zum Bloggen: https://bsky.app/profile/fotometeo-ch.bsky.social
So präsentiert sich die allgemeine Lage am Freitag tagsüber vor dem geplanten Start:
Die Grosswetterlage stellt um von einer zyklonalen Südostlage zu West zyklonal, indem sich das Tage zuvor über der Biskaya drehende Tief nach Norden verschiebt und von der atlantischen Westzirkulation eingefangen wird. Dieser einzelne Tag könnte man auch als winkelförmige Westlage klassifizieren, wenn das Kriterium für eine Grosswetterlage nicht eine Mindestdauer von drei Tagen voraussetzen würde. Typisch ist der rechtwinklige Knick der Isobaren über dem östlichen Mitteleuropa vor dem noch blockierenden Hoch über dem Baltikum, daher der Name. Darin eingebettet ist eine markante Kaltfront, welche Luftmassen von zehn Grad Unterschied voneinander trennt. Sie überquert den Startplatz Gladbeck am Freitagmorgen, doch die Ruhe danach ist nur von kurzer Dauer, bereits am späten Nachmittag folgt mit der Höhenkaltluft eine sekundäre Kaltfront mit gewittrigen Schauern und starken Böen:

Wir können es deshalb an dieser Stelle kurz machen, denn dies sind nicht Bedingungen, um 25 Gasballone auf relativ engem Raum aufzustellen und in die Luft zu schicken. Ein Start am Freitag ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen.
Wer hier schon etwas länger mitliest, wird bei der Erwähnung des Beginns einer zyklonalen Westlage weiter oben zusammengezuckt sein. Bereits in einer ersten Teamsitzung vor einer Woche sagte ich: Die primäre Frage wird nicht sein, wohin die Reise geht, sondern ob es überhaupt eine Reise geben wird. Die Basis für diese Einschätzung beruht auf den rekordwarmen Meeren insbesondere im Westen und Süden. Da können die Tiefs derzeit massiv Energie in Form von Wasserdampf und latenter Wärme auftanken, und wenn die ersten herbstlich anmutenden Höhenkaltluftausbrüche drüber ziehen, ist das Zunder. Es gibt zwar optimistischere Meteorologen in unserem Team, mein Pessimismus basiert aber auf Erfahrung (Albuquerque 2022 lässt grüssen!). Wer da bis zum Montag ein günstiges Startfenster findet, darf es behalten:
Ein kleines Wunder ist gefragt. Vielleicht mogelt sich doch noch irgendwann ein etwas stärkeres Zwischenhoch rein. Oder der Höhenrücken, der dem Alpenraum einen sonnigen Sonntag beschert, wölbt sich etwas stärker auf als derzeit noch modelliert, so dass sich in Gladbeck nicht nur ein trockenes, sondern vor allem auch weniger windiges Fenster auftut. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich werde berichten, wenn sich etwas bewegt.
Stand Donnerstagabend nach dem General Briefing:
– Es wird am Freitag definitiv keinen Start geben (surprise, surprise…)
– Eine mögliche Chance bietet sich Samstag früh um 02:00 MESZ (sportlich, ich erkläre gleich weshalb)
– Entschieden wird nach einem neuen Briefing am Freitagnachmittag
Für einen Start um 2 Uhr in der Früh müsste man zuvor mindestens sechs Stunden einigermassen ruhige Verhältnisse auf dem Startplatz haben, um ein sicheres Aufrüsten zu gewährleisten. Sehen wir uns also mal die relevanten Parameter (Niederschlag, Windböen) für 20:00 MESZ an, der Zeitraum ist bereits durch die hoch aufgelösten Modelle abgedeckt:
Die im Eingangsbeitrag erwähnte sekundäre Kaltfront ist bereits durchgezogen und befindet sich über Hessen/Südniedersachsen, dahinter ist es zumindest vom Niederschlag her einigermassen sauber, ein kurzer Spritzer wäre vielleicht unangenehm, aber nicht problematisch.
Um 20 Uhr werden immer noch Böen zwischen 30 und 40 km/h modelliert. Wörner Ballon empfiehlt für das Befüllen ihrer Gasballons maximal Böen von 15 Knoten oder umgerechnet 27 km/h, das ist also auch im unteren Bereich der Modellierung grenzwertig. Erst nach 21 Uhr würde sich der Wind so weit beruhigen, dass ein gefahrloses Aufrüsten möglich wäre. Ein Start um 2 Uhr ist ambitioniert, aber vielleicht machbar, wenn alles wie am Schnürchen läuft. Also vielleicht doch eher 1-2 Stunden später?
Was würde ein Start in den frühen Morgenstunden des Samstags für den ersten Renntag bis Sonnenuntergang bedeuten? Hier erst mal das Vertikalprofil am Startplatz um 3 Uhr (französisches Modell Arome, Quelle meteociel.fr):
Die generelle Windrichtung ist West bis Südwest mit einer rasanten Zunahme der Geschwindigkeit mit der Höhe: Bereits in 400 m beträgt sie über 50 km/h und viel schneller wird es auch weiter oben nicht. Rumbummeln wie bei einer Hochdrucklage so wie letztes Jahr ist nicht möglich, auch bei minimalem Sicherheitsabstand zu Stromleitungen sowie Fabrik- und Kraftwerkschloten geht’s mit mindestens 25 km/h nordostwärts.
Kurz nach Sonnenaufgang wäre man demnach bereits in der Gegend um Hildesheim südöstlich von Hannover, um die Mittagszeit im Grossraum Berlin und bei Sonnenuntergang (je nachdem, welche Fahrthöhe man gewählt hat) über der Mitte Polens oder über der Ostsee, wobei dort das weit ins Meer hinausragende Sperrgebiet der Enklave Kaliningrad im Weg steht. Blicken wir mal auf die Wetterverhältnisse am Nachmittag kurz nach dem höchsten Sonnenstand:
Die Grenzen sind leider etwas schwer zu sehen, etwa ein Viertel am rechten Bildrand ist von der Westhälfte Polens ausgefüllt. Niederschlagssignale (Skala am unteren Bildrand) sind nur spärlich vorhanden, doch das Wolkenmuster (grau bis weiss) deutet auf typische Quellbewölkung auf der Rückseite einer Kaltfront hin, also mitunter ruppige Thermik, der man nur in grosser Höhe von schätzungsweise 4000 m und höher entfliehen kann. Das sind herausfordernde Bedingungen, die eine ruhige und Ballast sparende Fahrt erschweren. Das werden nur routinierte Piloten meistern, um mit genügend Ballast in die Nacht fahren zu können. Alles weitere ist aufgrund der dynamischen Lage, bei der sich die Wetterbedingungen kurzfristig ändern können, zu spekulativ. Warten wir also besser ab, was die Rennleitung am Freitag entscheidet und was die Wettermodelle dann rechnen.
Soeben ist die Startaufstellung ausgelost worden: SUI-2 geht als erstes in die Luft. Diese Rolle sind wir uns ja bestens gewöhnt…
Update Freitagmorgen der hoch aufgelösten Kurzfristmodelle
Sowohl das französische wie das deutsche Modell verlängern die Schauertätigkeit in den Abendstunden und die Böigkeit in den Abendstunden, hier das stündlich rechnende ICON:

Letzte gröbere Schauer um 21:00, danach nur noch schwächere und kleinräumige Schauerchen, ohne Niederschlagssignale erst ab Mitternacht.

Grenzwertige Böigkeit um 30 km/h wird jetzt die ganze Nacht hindurch gerechnet, hier das Beispiel um 1 Uhr
Aufgrund der Entwicklung seit dem Donnerstagabend muss damit gerechnet werden, dass sich die Prognosen weiter verschlechtern können. Affaire à suivre…
Update Freitagabend: Die Startvorbereitungen laufen
Ich muss ja längst nicht mehr alles verstehen können… Ungeachtet der aktuell noch herumziehenden Schauer und böigem Wind sollen in den nächsten Stunden die Ballone aufgerüstet werden. Start frühestens um 1 Uhr nachts, hiess es in der Mitteilung nach dem Briefing, realistischer dürfte gegen 3 Uhr sein. Wie heute Morgen erwartet, verschlechtert sich die Prognose laufend, jetzt auch für den Samstag tagsüber:
Auf dem Weg nach Osten erwarten wir inzwischen nicht nur harmlose Quellwolken, sondern auch ein paar Schauer am Nachmittag. Eine gemütliche Fahrt wird das nicht und dann kommen irgendwann die Probleme mit der Ostgrenze. Die Suwalki-Lücke ist rein von den Windverhältnissen her passierbar, man muss nur richtig zielen (wie genau, verrate ich hier natürlich noch nicht). Inwieweit da die Sicherheitsbedenken aufgrund der geopolitischen Lage abgeklärt wurden, ist mir nicht bekannt – bin ja nicht mehr so nah dran wie früher. Mein Tagesgeschäft läuft nebenbei weiter und ausgerechnet heute mussten mehrere Hagelzüge mit bis zu 7 cm Korndurchmesser und mit Gewitterböen in Orkanstärke quer durch die ganze Nordschweiz ziehen. Zum Glück beruhigt sich das Wetter wenigstens in meinem Verantwortungsbereich, so dass ich mich ab Samstag etwas mehr ums Gasballonrennen kümmern kann. Den Piloten wünsche ich viel Glück, sie werden es brauchen können.
Update Samstagmorgen: Das Rennen läuft nach Osten
Noch mal gut gegangen. Mit SUI-2 startete Punkt 01:30 MESZ der erste Ballon, nun fährt der Pulk mehr oder weniger geschlossen (mit einer Ausnahme, was der wohl vorhat…?) direkt nach Osten. Hier die Windverhältnisse am Vormittag in rund 1500 m Höhe:
Am Vormittag ist die Bewölkung noch schichtförmig und stellenweise ist der Himmel auch offen. Mit steigendem Sonnenstand wird Thermik einsetzen und die Wolken beginnen zu quellen. Die Labilität ist geradeso an der Grenze, dass lokale Schauer entstehen können. Diese Karte zeigt den erwarteten Zustand Mitte Nachmittag mit Bewölkung (je heller, umso dichter), Niederschlag (blau, je dunkler, umso intensiver) und einem schwachen Gewittersignal in der Mitte Polens (gelb):
Man darf gespannt sein, wie die unterschiedlichen Teams mit der erwarteten Ruppigkeit am Nachmittag zurecht kommen und wie sich die Schauer- und Gewittergefahr tatsächlich präsentieren wird. Die schnellsten Teams werden die Grenze zu Polen um die Mittagszeit überqueren und die polnische Ostgrenze am Sonntagmorgen erreichen, was ein idealer Landezeitpunkt wäre. Betreffend Sicherheit an der Suwalki-Lücke und in den baltischen Staaten liegen mir nach wie vor keine Informationen vor.
Update Samstagnachmittag: SUI-2 fährt einen Sonderzug
Ach herrlich, es ist wie in den guten alten Zeiten: Unser Team fährt eine völlig eigenständige Strategie, nur mit dem Unterschied, dass diesmal viel mehr Man- und Rechenpower dahinter steckt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie lange ich alleine an dieser Route gepröbelt und gerechnet hätte – so gesehen ist unsere Teamverstärkung ein echter Gewinn! Aber etwas wundern tu ich mich schon, dass wir als einzige die Möglichkeit in Betracht gezogen hatten, das Kaliningrad-Sperrgebiet auf der Ostseeroute zu umschiffen. Ja, die meisten Modelle sahen diesen Weg nicht, und jene die sie sahen, kamen nur haarscharf dran vorbei. Aber es hätte Möglichkeiten und Tricks gegeben, die hier noch nicht verraten werden sollen. Dennoch bin selbst ich über die westliche Route überrascht, das war in keiner meiner Rechnungen drin, der Weg führte stets übers Wasser, direkter auf Gotland zu. Egal, ich bin froh dass sich unser Team für diesen Weg entschieden hat, denn wenn ich auf das aktuelle Radarbild schaue, bekomme ich Bauchschmerzen ob der konvektiven Aktivität, wo der grosse Pulk unterwegs ist:
Wie es der weiter oben eingestellte Modelllauf für diese Zeit gezeigt hat, ist dieser Cluster nordwestlich von Warschau sogar gewittrig, und zwar viel grösser als modelliert. Womit sich meine gestrige Vermutung, dass sich die Wetterprognose weiter verschlechtern wird, als die richtige herausgestellt hat. Ich hoffe, die kommen da alle heil durch oder können zumindest sicher landen. Die besonders Wagemutigen werden es wohl durch die Suwalki-Lücke versuchen, aber der Weg auf dem Land ist wegen der Thermik und der konvektiven Aktivitäten nicht nur heute, sondern auch am Sonntag ein Spiel mit dem Feuer. Über Wasser ist es viel ruhiger, da dort die Oberflächentemperatur „nur“ 18 Grad beträgt. Die Luft direkt darüber wird somit anders als über Land auch bei Sonnenschein nicht zu sehr aufgeheizt. Die Niederschläge, die einen da erwischen können, sind somit viel schwächer. Dies ist unsere Hoffnung, da einigermassen sicher unterwegs zu sein. Sobald wir nördlich des Sperrgebietes liegen, stehen uns alle Optionen offen: Weiter tief fahren um nach Norden bis Nordosten zu gelangen, oder aufsteigen in den Westwind, um in Lettland oder Estland zu landen. Das ist doch wesentlich entspannter als die Lotterie mit der hoch militarisierten Suwalki-Lücke.
Update Samstagabend: Das erste Hindernis ist überwunden!
Ein dickes Bravo an alle Beteiligten! Jetzt steht uns nur noch das kommende Wetter im Weg, und natürlich wie die Konkurrenz durchs Mauseloch kommt. Mehr sehen wir im Lauf des Sonntagvormittags.
Update Sonntagmorgen: Ab jetzt wird’s ein Murks für alle Beteiligten
Guten Morgen! Den Zugriffen auf meine Seite zu entnehmen, warten schon ganz viele gespannt darauf, wie es weitergeht. Das ist erfreulich, denn so weiss ich, dass die Arbeit hier geschätzt wird. Danke auch für die aufmunternden Kommentare hier und auf bluesky.
Trotz GPS Jamming durch die in den Krieg involvierten Parteien im Osten haben es doch viele Teams durch die Suwalki-Lücke geschafft und einige werden wohl noch folgen. Leider wird dadurch die exakte Position nur sporadisch angezeigt, manchmal wartet man über eine Stunde. Nicht nur die Suwalki-Ritter sind davon betroffen, sondern auch unser Ballon über Estland verschwindet immer wieder mal vom Bildschirm oder das Signal schlägt Hasenhaken. Hauptsache ist aber, dass die Piloten nicht die Orientierung verlieren und aus Versehen in eine Sperrzone fahren. So viel zum Murks Nr. 1…
Ich habe mal rudimentär den möglichen weiteren Weg unseres Teams und jener, welche sich heute Morgen in der Suwalki-Lücke befinden, weitergerechnet:

Trajektorien der Ballone, die am Morgen die Suwalki-Lücke passiert haben, so weit das Modell rechnet (So 23:00 MESZ)
SUI-2 wird ungefähr um 12:00 MESZ finnisches Festland erreichen. Für dieses Team wie auch jene in Litauen gilt: Man muss tief fahren, sonst gerät man zu rasch in die Nähe der russischen bzw. weissrussischen Grenze. Und in diesen tiefen Schichten wird der Wind zusehends langsamer. Wer also SUI-2 noch überholen will, braucht einen extrem langen Atem. Da sind aber noch etliche erprobte Teams dabei, denen viel zuzutrauen ist – es wäre also verfrüht, uns als Sieger auszurufen. Mit welchem Wetter muss man heute tagsüber rechnen? Dazu die Niederschlagsprognose für heute Nachmittag und die Windströmung am Boden:
Während die Teams in Litauen weitgehend trockenes Wetter erwarten dürfen, allerdings in der vorgegebenen tiefen Fahrt mit ruppiger Thermik zu kämpfen haben werden, wird SUI-2 wohl den einen oder anderen Schauer über sich ergehen lassen müssen. Aufgrund dieses Risikos und des Umstandes, dass Finnland gefühlt zu 90 % aus Seen und Wäldern besteht und daher begrenzte Landeplätze zur Verfügung stellt, muss sehr gut überlegt werden, wie weit man da noch gehen möchte. Dies ist einzig und allein die Entscheidung der Piloten. Wir Meteorologen schicken die da nicht hinein, wir geben die notwendigen Infos, mehr nicht.
Aufgrund der schwierigen Wetterlage ist es wenig sinnvoll, über den möglichen Verlauf zu spekulieren, der über den heutigen Sonntag hinausgeht. Den Link zum Live-Tracking findet ihr ganz oben in der Einleitung. Wer möchte, kann die Niederschlagsentwicklung hier mitverfolgen: Radar Finnland, Radar Estland, Radar Litauen
Update Sonntagnachmittag: In diesem Rennen muss man mit allen Wassern gewaschen sein
Endlich! Im 11. Gordon-Bennett-Rennen, das ich betreue, dürfen endlich all die Theorien zum Ballonfahren über Wasser, die man im Lauf der Zeit angesammelt hat, in die Praxis umgesetzt werden. Alle Teams kämpfen seit den frühen Morgenstunden mit demselben Problem: Die stetig näher kommende Sperrzone im Osten und das bei westlichen Winden. Aufgabe: Suche Südwind, und falls du keinen hast, warte auf ihn, wie auch immer. Wer keinen günstigen Wind findet, muss das Rennen aufgeben oder eine Disqualifikation in Kauf nehmen, wobei dies bei Verletzung (weiss-)russischen Luftraums wohl noch das kleinste Problem wäre. Entsprechend sind die Ballone seit Sonnenaufgang wie reife Pflaumen vom Himmel gefallen. Es verbleiben (Stand 17:40 MESZ) nebst SUI-2 noch fünf Teams in Litauen.
Leider fehlt mir die Zeit, detaillierter auf die Konkurrenz einzugehen, deshalb beschränke ich mich auf unsere eigenen Probleme. Wir haben heute Mittag wieder mal vordemonstriert bekommen, dass Meteorologie keine exakte Wissenschaft ist. Alle Wettermodelle rechnen Südwestwind über dem Finnischen Meerbusen zwischen Tallinn und Helsinki, und doch dreht unser Ballon immer weiter nach Osten und driftet auf die Sperrzone zu. Es nützt nicht mal was, dass eine finnische Wetterstation auf einer kleinen Insel nur wenige Kilometer von unserem Standort entfernt permanent Südwestwind meldet:
Wie man sowas bei 20 km/h Wind aussitzt, bis man gesichert nach Norden weiterkommt, sei hier nicht verraten – nicht dass die Konkurrenz noch was von uns lernt. Es gibt aber vermutlich auch andere erfahrene Teams, die ähnliche Tricks auch schon angewendet haben. Ziel ist jetzt nur noch, Land zu gewinnen und sicher zu landen. Mit der Analyse der Teams in Litauen warte ich sinnvollerweise bis nach Sonnenuntergang, dann wissen wir, wer in die nächste Nacht fährt. Nächste Aktualisierung irgendwann (hoffentlich) noch vor Mitternacht.
Update Sonntagabend: SUI-2 mit komfortablem Vorsprung sicher in Finnland gelandet, doch…
… it ain’t over until the fat lady sings.
Die GPS-Meldungen sowohl auf dem offiziellen GBR-Lifetracking wie auch bei flightradar24 sind nach wie vor lückenhaft. So ist nicht vollständig geklärt, wie viele Teams im Rennen verbleiben. Ich vermute drei: AUT-2 (wobei die schon hart an der Grenze des Wettbewerbgebiets und wahrscheinlich bereits im Landeanflug sind, während ich hier schreibe), der amtierende Weltmeister SUI-1 und POL-1. Ich gehe davon aus, dass die beiden noch günstig mitten in Litauen positionierten Teams sich das Rennen um die Plätze zwei und drei liefern werden. Zwar würde ich denen durchaus zutrauen, noch nach Finnland zu fahren, aber aufgrund der Wetter- und Windprognosen dürfte dies schwierig bis unmöglich werden. In der Nacht weht der bodennahe Wind noch günstig aus Süd und es bleibt wahrscheinlich auch trocken. Die aus Westen nahende Schauerfront mit einigen Blitzen drin schwächt sich in der Nacht ab bzw. löst sich in ihrem südlichen Teil auf:
Im Tagesverlauf dreht der Wind auch am Boden (weiter oben war es nie anders) immer weiter auf West und selbst wenn man noch lange genug nach Norden fahren könnte, kommt man in neue gewittrige Schauer rein:
Ich vermute mal, das dürfte auch für die erfahrensten Ballonfüchse zu viel der Unbill sein. Bin natürlich trotzdem gespannt, wie weit sie noch kommen werden und wie die Ränge schlussendlich verteilt werden. Anhand der Wetterprognosen würde ich schätzen, dass wir es noch vor Montagmittag wissen werden. Danach werde ich auch mein traditionelles Fazit ziehen – bin zwar keine „fat lady“ und auch keine besonders gute Sängerin, deshalb wie immer schriftlich ohne Bild und Ton 😉
Doch noch die definitive Entscheidung vor Mitternacht
Sowohl zum Feiern wie fürs Fazit zu müde – morgen ist auch noch ein Tag… 
Montagabend: Ergänzungen und Fazit nach Abschluss des Rennens
Was sich in den letzten Jahren immer mehr abgezeichnet hatte, wurde in diesem Jahr eindrücklich bestätigt: Die Spitze des Gasballonsports ist breiter geworden, nicht zuletzt auch durch die technische Aufrüstung, die sich inzwischen die meisten Teams leisten (müssen). Dies zeigt sich eindrücklich anhand der Passage der Suwalki-Lücke: In diesem Jahr schafften zwölf Teams die Durchfahrt. Als beim GBR2017 Vincent Leys und Christophe Houver als Team FRA-1 erstmals an einem GBR das Mausloch in 6000 m Höhe und aus 1500 km Distanz in perfektem Timing zielgenau trafen, galt dies als Husarenstreich, an dem die Verfolgerteams allesamt scheiterten. Bereits zwei Jahre zuvor versuchten es etliche Teams vergeblich und landeten wenige Kilometer südlich an der polnisch-weissrussischen Grenze. Erst 2021 gelang die Passage nach Litauen wiederum nur einem Team (dem von mir betreuten, damals noch Gschwendtner/Wicki), und es bleibt mir – heutiger Titelgewinn hin oder her – als grösster persönlicher Erfolg in Erinnerung, weil die Luftschicht mit der passenden Windrichtung und der richtige Zeitpunkt in akribischer Detektivarbeit aus den nicht von den Wettermodellen errechneten Zwischenschichten herausgekitzelt und von den Piloten in Feinarbeit gefunden wurde. Dies zu Zeiten, als noch keine permanente Internetverbindung im Korb vorhanden war und Telefonanrufe über Satellit ein halbes Vermögen gekostet hatten.
Nur fünf Jahre später ist die Welt eine ganz andere. Die Strategie muss nicht mehr in mühsamer stunden- und nächtelanger Handarbeit und aufgrund der Modellstreuung unzähliger Varianten zusammengeschustert werden. Sondern sie wird (da Balthasar es bereits in zwei Gordon Bennett TV Interviews erwähnt hat, verrate ich jetzt kein Geheimnis mehr) auf einem Rechner der ETH Zürich mit einem an der Uni Bern entwickelten Programm in wenigen Minuten herbeigezaubert und kann jederzeit an die aktuellste Entwicklung angepasst werden. Die Piloten verfügen über Nachtsichtgeräte, permanenten Internetzugang über Starlink und beliefern uns mit faszinierenden Bildern und Videos über Social Media und Gordon Bennett TV. Und trotzdem gibt es Phasen, in denen wir oft stundenlang nicht wissen, wo genau sich unser Ballon herumtreibt. Nicht nur GPS Jamming und Spoofing erschweren die Orientierung. Auch die Peilung über das UKW-Funksystem APRS ist insbesondere auf dem Meer unzuverlässig und lückenhaft, so auch am Sonntagnachmittag zwischen Estland und Finnland:
Solcherlei Verwirrspiel gipfelt dann mitunter darin, dass man nahezu ein finnisches Atomkraftwerk torpediert. Unsere Piloten haben es zum Glück gerade noch rechtzeitig gemerkt und konnten den Kurs korrigieren, haben aber dafür viel Ballast verbraucht. Die angestrebte dritte Nacht wurde dadurch einmal mehr verfehlt, was aber diesmal zum Glück keine negativen Auswirkungen auf das Resultat bzw. die Rangliste hatte.
Überhaupt hatte dieses Rennen noch einige Kuriositäten auf Lager. Mein wahrscheinlich wichtigster Beitrag zum Sieg war am Donnerstag der Hinweis an den Leiter des Command-Centers auf dem Werdtberg (im Berner Jura exponiert auf 1250 m gelegen), dass doch bitte die Starlink-Antenne sturmsicher montiert werden solle. Er meinte dann nach dem Rennen scherzhaft, dass er diese nun wahrscheinlich mitsamt dem Kamin nach Hause nehmen müsse… Der prognostizierte Gewittersturm traf den Werdtberg mitten in den Vorbereitungen 16 Stunden vor dem Start. Die Starlink-Antenne blieb unversehrt, dafür durften die Leute dort oben Däumchen drehend einen zweistündigen Stromausfall aussitzen. Und ich war den ganzen Tag mit Nowcasting, Unwetterwarnungen, Hagel- und Sturmschaden-Monitoring beschäftigt, statt dem Team zur Seite stehen zu können. Turbulent war es auch für unsere Ballonfahrer, die sich über der Ostsee mehr als einmal nasse Füsse holten, aber ein Weltmeistertitel muss nun mal verdient werden.
Das alles muss ich in meinem Kopf noch fertig verarbeiten und dann sacken lassen. Zwar bin ich dankbar, dass ich die Verantwortung für die Strategie abgeben konnte, und doch geht mit der rasanten technischen Entwicklung ein gewisses Etwas an diesem Sport verloren: Nämlich der insgeheime Wettstreit der Meteorologen. Klar, deren Erfahrung und Gespür braucht es immer noch. Allerdings nicht mehr für die Ausarbeitung der Strategie und somit dem Kernstück eines erfolgreichen Rennens (das dann zwar immer noch den Piloten realisiert werden muss). Wir machen jetzt nur noch – der Ausdruck ist wahrscheinlich etwas überspitzt, aber mir fällt gerade nichts Besseres ein – die „Drecksarbeit“, die niemand mitbekommt. Wir bügeln aus, was die Modelle nicht kommen sahen, wie zum Beispiel dieser unerwartete Windrichtungswechsel zwischen Estland und Finnland, wahrscheinlich ausgelöst durch ein kleines Mesotief mit gewittrigen Schauern östlich von Tallinn. Oder wir warnen vor Hagel und Sturm am Standort des Command-Centers oder auch mal das Verfolgerteam vor möglichem Unwetter auf ihrem Weg, der ja ganz anders verlaufen kann als jener des Ballons, wie wir soeben erlebt haben.
Kurzum: Die Betreuung eines Gordon-Bennett-Teams ist heutzutage nichts mehr für Fossile wie mich, die im stillen Kämmerchen ihre Arbeit verrichten, sondern immer mehr Teamarbeit, die ganz andere Anforderungen stellt. Ich hatte bereits in den letzten Jahren angemerkt, dass mir die Sache eine Nummer zu gross wird, und man hat das Betreuerteam entsprechend aufgestockt. Diesmal stiess sogar eine zusätzliche GBR-erfahrene Meteorologin mitsamt ihren selbst entwickelten Tools erst zwei Tage vor dem Rennen zu uns, aber auch die hat der Leiter des Command-Centers hervorragend integriert. Es war ein Glücksfall und perfekte Ergänzung zu meiner Arbeitsweise. Am Schluss war es ein perfektes Zusammenspiel aller Akteure, Balthasar nannte es im Interview der Schluss-Sendung im Gordon Bennett TV ein präzises Schweizer Uhrwerk. Für mich, die bisweilen etwas mehr als nur anders tickt als die heutige Arbeitswelt, ist dies das höchste Kompliment, das mir bisher zuteil wurde. Danke für euer Vertrauen und besten Dank an alle im Team, die zu diesem fantastischen Sieg beigetragen haben! Und herzliche Gratulation an alle Teams unabhängig vom Resultat zu eurer Fahrt und zur sicheren Landung.
Der letzte Dank gilt wie immer der Leserschaft dieses Blogs, die mich moralisch, mit tatkräftiger Unterstützung vor allem zum reibungslosen Funktionieren dieser Seite oder finanziell unterstützen. Ich hoffe, ich konnte auch diesmal die interessantesten Aspekte des Rennens aufgreifen und auch ein bisschen unterhalten. Was die Zukunft bringt, weiss niemand von uns, deshalb mache ich wie schon im Vorjahr keine Versprechen – hoffe aber, dass wir uns im 2027 wieder hier treffen.
Und jetzt: Vorhang!
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Klaus Friedrich am 26. August 2026 um 18:15 Uhr
Hallo Fabienne,
schön zu sehen, dass Du auch bei GB 2026 wieder dabei bist! Dann hoffen wir mal auf das „kleine Wunder“ für ein Startfenster,
herzliche Grüße
Klaus Friedrich
Peter am 28. August 2026 um 12:05 Uhr
Vielen Dank schon mal für diese interessante Analyse. Hoffen wir, dass es klappt und das Rennen trotzdem stattfinden kann.
Erika am 28. August 2026 um 20:22 Uhr
Liebe Frau Muriset
So schön sind Sie auch wieder dabei, so wird das Rennen noch viel
spannender.Nun hoffen wir auf einen anständigen Petrus .
Mit ganz lieben Grüssen.
Erika
Tobias Anzeneder am 29. August 2026 um 14:37 Uhr
Liebe Fabienne Muriset,
wunderbar, dass der Blog wieder aktiv ist in Sachen Gordon Bennett!
Die Informationen sind sehr hilfreich und ich bin sehr gespannt wie sich die Strategien entwickeln. Viel Erfolg und viele gute Entscheidungen gemeinsam im Team.
Herzliche Grüße,
Tobias aus Bayern
Christian am 29. August 2026 um 20:03 Uhr
Danke für den Blog während des Gordon-Bennett-Rennens!
Lese jetzt zum dritten Mal mit, und es ist immer spannend, die detaillierten Analysen hier zu studieren!
Reto Fehr am 30. August 2026 um 08:31 Uhr
Liebe Fabienne
Wie jedes Jahr ist es einfach unglaublich spannend, das Gordon Bennett live mitzuverfolgen!
Dieses Jahr macht das Zuschauen aber ganz besonders grosse Freude, Was für ein genialer und mutiger Schachzug, als einziges Team diese Route nach Norden über die Ostsee zu wählen!
Ich drücke dem gesamten Team weiterhin fest die Daumen, wünsche euch viel Erfolg für den Endspurt und vor allem eine gute und sichere Landung!
Michael am 31. August 2026 um 09:16 Uhr
Glückwunsch zum Sieg. Als laienhafter Beobachter 2 Fragen:
– Warum ist SUI-1 schon gelandet?
– Nach dem Start hatte man das Gefühl, dass durchaus auch andere Teams geschaut haben, ob sie den gleichen Weg wie ihr machen könntet. Täuscht das, oder haben sie irgendwas falsch gemacht bei der Suche nach dem richtigen Wind?
Fabienne Muriset am 31. August 2026 um 15:06 Uhr
Hallo Michael
Den Link zum Blog von Team SUI-1 hat Peter dankenswerterweise bereits geliefert, dort wird die mögliche Ursache des Gasverlustes auch in einem Kommentar von Ulrich Hohmann beschrieben – interessanterweise hatte das Team GER-1 dasselbe Problem.
Zur zweiten Frage: Die Modellage vor dem Start machte deutlich, dass man nur sehr knapp an der russischen Sperrzone vorbeikommt, die von Kaliningrad weit in die Ostsee hinausragt. Nur mit einer sehr nördlichen Route von Beginn weg war diese Möglichkeit überhaupt realisierbar, und wir mussten auf der ganzen Länge um jedes Grad westlichere Richtung kämpfen (übrigens erfolgreicher als erhofft, denn modelliert war die Route über Rügen bzw. Hiddensee und dann Bornholm). Die Trajektorien der anderen Teams schon kurz nach dem Start zeigen, dass es niemand ausser SUI-2 versuchen wollte.
Peter am 31. August 2026 um 10:37 Uhr
@Michael, die Antwort auf deine erste Frage findest du hier:
https://gordonbennettrace.wordpress.com/
Microwave am 6. September 2026 um 23:22 Uhr
GEIIIIILLL GEIIILL
Gratulation zum ersten Platz!!!!
Leider bin ich weg gewesen am Wochenende und konnte nicht das mitverfolgen. Nur jetzt habe ich genug Ruhe gefunden zum alles nachlesen!!
Schade was ich da alles verpasst habe.
Danke nochmal und liebe Grüsse – Microwave